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Full text of "Dispensation und Dispensationswesen in ihrer geschichtlichen Entwickelung bis zum IX. Jahrhundert"

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Dispensation und Dispensationswesen 



in ihrer' 



geschichtlichen Elitwickelung bis zum 

IX. Jahrhundert. 



Inauguraldissertation, 

zur 

Erlangung der juristischen Doctorwilrcle 

der 

juristischen Fakultät der Kaiser-Wilhelms-Universität Strassburg 

vorgelegt von 

Maria Albert JStiegler 

cand. iur. 

4—« — 'libra R V ) 



Mainz, 

Verlag' von Franz Kirchheim. 
1897. 



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Druck von Joh. Falk III. Söhne, Mainz. 



Vorwort. 



Vorliegende Arbeit verdankt ihre Anregung hauptsächlich den 
in der kirchenrechtlichen Literatur schon mehrfach aufgetretenen 
Meinungsverschiedenheiten über den Begriff der kanonischen Dis- 
pensation. Da die einzig richtige Lösung dieser Differenzen nur 
durch eine Untersuchung geboten werden kann, welche die Frage 
von der rechtshistorischen Seite aus anfasst, so habe ich mir 
die Aufgabe gestellt, die geschichtliche Entwickelung des Dispen- 
sationswesens überhaupt zu untersuchen. Auf diese Weise wird eine 
Grundlage geschaffen, auf welcher sowohl der Begriff der Dispen- 
sation festgestellt, als auch zwei andere, für die Beurteilung der 
kanonischen Dispensation äusserst wichtige Fragen entschieden werden 
können, nämlich: ob man nicht schon vor dem XI. Jahrhundert 
Dispensen im voraus erteilt, und wie sich das Dispensationsred^ 
geschichtlich gestaltet hat. Die erstere Frage wird uns hier des 
nähern beschäftigen. 

Eine Vorarbeit über die geschichtliche Entwickelung des Dis- 
penswesens giebt es nicht. Die Zusammenstellung von diesbezüg- 
lichen Zitaten, die sich bei Thomassin in seiner Vetus et nova eccle- 
siae disciplina findet, ist mit Bücksicht auf das historische Material, 
das uns heute zu Gebote steht, ganz unvollständig, und, was 
wohl der grösste Mangel an ihr ist, vom Gesichtspunkte des Dis- 
pensationsrato aus gemacht, so dass der Begriff der Dispensation 
als feststehend vorausgesetzt wird. Dasselbe gilt von dem Schriftchen 
von Jung, Facta dispensationem episcopalium, Mog. 1787. Es liegt auf 
der Hand, dass bei solcher Methode das Eesultat in keiner Be- 
ziehung, weder im Hinblick auf das Dispensationsrec/^ noch im 
Hinblick auf das Dispenswesew ein bedeutendes sein kann, denn wie 
lässt sich die Frage nach dem DispensationsredW beantworten, wenn 
man vorher nicht weiss, was die damalige Zeit überhaupt als Dispens 
betrachtet hat. Zuerst muss also der Begriff festgestellt sein. 



IV 

Von diesem Gesichtspunkte aus bin ich an die Behandlung 
des umfangreichen, allseitig zerstreuten Stoffes herangetreten. Bei 
der Darstellung der geschichtlichen Entwickelung des Dispensations- 
wesens unterscheide ich 4 Perioden. Die erste geht bis zum IX. 
Jahrhundert. Von diesem Zeitpunkt ab ist man nicht mehr auf 
gelegentliche Aeusserungen von Päpsten oder Kirchenschriftstellern 
angewiesen; die Dispens erscheint hier bereits als Gegenstand beson- 
derer Darstellungen oder wird doch in den Kanonensammlungen 
berücksichtigt. Aus diesem Grunde wurde das IX. Jahrhundert als 
Grenzpunkt gewählt. Es folgt dann die Zeit bis zur Abfassung 
des Dekret Gratians, der namentlich im dictum zu c. 5. C. 1. qu. 7 
seine Ansicht über die Dispensation niedergelegt hat. Auf seinen 
Ausführungen bauten die Glossatoren weiter, bis schliesslich die 
theoretischen Grundsätze über die Dispens in der Dekretalensamm- 
lung Gregors IX. ihre offizielle Anerkennung fanden. Dieser Zeit- 
raum bildet den Gegenstand der 1U. Periode. Der IV. Teil um- 
fasst die weitere Ausbildung des Dispenswesens bis auf unsere Zeit. 
Die Darstellung der geschichtlichen Entwickelung des Dispensations- 
rechts geschieht für sich besonders. 



I. Kapitel. 

§. 1. O'.xovojjua, dispensatio. WorterMärung. 

Dispensare bezeichnet nach Varro x ) und Festus 2 ) das Zuwägen 
einer Geldsumme beim Auszahlen eines Betrags. Da dieses Geschäft 
zu den Obliegenheiten des Hausverwalters gehörte, übertrug man den 
Begriff der dispensatio auf dessen gesammte Thätigkeit. Dieser Be- 
deutung von dispensare entspricht das griechische oixovojieTv 3 ). 
Oixovojjuoc und dispensatio heissen demnach Verwaltung. In diesem 
Sinne finden sich oixovojjua und dispensatio in der hl. Schrift angewendet. 
Christus spricht 4 ) von einem treuen und verständigen Haushalter, 
»tciotöq &ixovö/jioQ xal «ppovtjjiog,« und in dem Gleichnis vom reichen 
Mann 5 ) ist die Rede von einem Schaffner, »olxovöjao';, villicus,« der 
für seine Verwaltung, »oixovojjua, villicatio,« Rechenschaft ablegt 6 ). 
In derselben Bedeutung kennen die römischen Rechtsquellen 7 ) den 
dispensator, griechische Schriftsteller 8 ) den olxovoixoq. 

Als Grundbedeutung von oixovojxsTv, dispensare ergiebt sich hier- 
nach : verteilen, verwalten, leiten, ordnen = disponere , curare , ad- 



1) De lingua latina, ed. Müller, Lips. 1839, p. 71: »ab aere pendendo 
dispensator.« — 2) De verborum significatione, ed. Müller, Lips. 1839, p. 72: 
»Dispensatores dicti, qui aes pensantes expendebant , non adnutnerabant.« — 
3) Stephanus, Thesaurus graecae linguae. Paris. 1842 — 46, unter or/.ovo ;j.E~tv. Eine 
andere Ableitung kennt Cyrill in seinen Erklärungen zu Lukas 16, 12: »oho- 
v6[xot yap Xe'fovTai rocpa xS> ra ofofia. ixas-cw ve'^etv;« (Mai, Nova Patrum bibliotheca, 
Rom. 1847, II. 348). Er leitet also oixovojj.s1v ab von otxsla— vsjxstv und nicht von 
o?xov— ve'[j.£tv. — 4) Luk. 12, 42. — 5) Luk. 16, 12. — 6) Andere hierher gehörige 
Stellen: Eph. 1, 10; 3, 2. 9; Coloss. 1, 25; 1. Tiraoth. 1,4; Tit. 1,7; 1. Petr. 4, 16, 
1. Corinth. 9, 17 werden die Apostel or/.ov6[xot (j.uaT7)ptwv frsou - dispensatores myste- 
riorum Dei genannt; vgl. 1. Cor. 4,12. — 7) L. 51, 62, D. de soiut. et liberat. 
46, 3; in 1. 166. D. de verb. signif. 50, 16 heisst dispensator derjenige, »qui 
rusticarum rerum rationes dispenset.« — 8) Diesbezügliche Stellen siehe bei 
Stephanus, Thesaurus graecae linguae , Paris. 1842 — 46 , sub ohovoiilcc , oho- 
vtfp.04 und o?xovo[X£to. — lsidor sagt in seinen Etymologieen : »Dispensator voca- 
tur, cui creditur administratio pecuniarum. Et ideo , quia prius , qui dabant, 
pecuniam non uumerabant eam sed appenlebant« ; Migne, Cursus patrologiae, 82, 
374, n. 67. 

1 



2 Dispensation und Dispensationswesen. 

ministrare, ordinäre. In dieser Bedeutung bat sich das Wort bis 
auf unsere Zeit erhalten 1 ). 

Die Kirchenväter pflegen eine besondere Thätigkeit der gött- 
lichen Vorsehung als Dispensation zu bezeichnen. Sie gehen dabei 
von dem Gedanken aus, dass Gott die Menschheit nicht allein als 
Ganzes leitet, sondern auch jeden Einzelnen zu dem von ihm frei 
gewählten Ziel hinführt 2 ). Dies thut er vermittelst der Dispensa- 
tion. Origenes sagt z. B. : Wie der Hausvater unter seinen Knechten 
zur Ausführung der schwierigsten Arbeiten den tüchtigsten auswählt 
und jedem derselben überhaupt eine seinem Können entsprechende 
Thätigkeit zuweist , ebenso handelt auch Gott mit den Menschen ; 
als ein guter Dispensator bedient er sich der sittlichen Anlage jedes 
Einzelnen, um ihn diejenigen Werke hervorbringen zu lassen, welche 
dessen Wille sich ausgewählt hat 3 ). Dispensationen wären hiernach 
die geheimen Wege, auf denen Gott die Menschen leitet. »Per eius 
providentiam dispensamur in vita,« sagt derselbe Kirchenschrift- 
steller 4 ). Eine Dispensation in diesem Sinne ist es auch, dass die 
göttliche Weisheit den einen Reichtum in den Sehoss schüttet, 
andere aber am Notwendigen darben lässt 5 ), wenn die Verbrechen 
der einen für andere Glück und Segen bringen 6 ), wenn den einen 
das Evangelium gepredigt, andern dagegen versagt wird 7 ). So Ori- 
genes. In allen diesen Stellen heist otxovojua so viel als »Leitung, 
Verwaltung, Ratschluss, Führung«, jedoch knüpft sich daran stets 
eine ganz charakteristische Nebenbedeutung, nämlich die, dass Gott 
vermittelst solcher Dispensationen stets etwas Abweichendes ge- 
schehen lässt, abweichend von dem, was sonst der menschliche Ver- 
stand in derartigen Fällen erwartet, und das er, falls ihm die Ent- 
scheidung über die Sache zugestanden hätte, anders gethan haben 
würde. Hätte er doch z. B. die irdischen Güter gleichmässig ver- 
teilt und die Gnade des Evangeliums allen Menschen zukommen lassen. 
So würde ein Mensch handeln; anders handelt aber Gott. Dieser 
leitet die Menschheit auf verborgenen Wegen, welche sich, vom 
rein menschlichen Standpunkt aus betrachtet, darstellen als Dispen- 
sationen, als Handlungsweisen, die abweichen von dem, was die na- 

1) Vgl. z. B. die Summe Stephans von Tournay zum Dekret Gratians, 
woselbst dispensare umschrieben ist mit disponere, providere ; ed. Schulte, 
Giessen, 1891, p. 110 zu D. 89. 

2) L. 7 in ep. ad Eomanos, Migne, 14, 1154. — 3) L. 7 in ep. ad Rom., 
Migne, 14, 1154. — 4) L. c. 1. 9. p. 1202; vgl. p. 1214, p. 183; too\ "Apx.<ov, 
1. 1, Migne, 11, 169; 1. c. 1. 3. p. 332. — 5) L. 7 in ep. ad Rom. 1. c. p. 1186; 
vgl. Gregor. Pap. I., 1, 33 Moralium, c. 26, ed. Maur. Paris, 1705, 3, 360. — 
6) Origenes, 1. c. p. 1187, p. 1200. — 7) L. c. p. 858. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. o 

türliche Vernunft für das unter den betreffenden Umständen am 
zweckmässigsten gehalten hätte oder halten würde 1 ). 

Als die oixovofua (dispensatio) xax 3 i£ox7jv bezeichnet die 
patristische Literatur das Geheimnis der Menschwerdung Christi 2 ). 
Auch damit ist deutlich ausgesprochen , dass es sich um etwas 
Sonderbares, von dem gewöhnlichen Gang der Dinge Abweichendes 
handelt. Christus nimmt als Gott Fleisch und Blut eines Menscheu 
an, führt als Gott ein armes, elendes Dasein und stirbt schliesslich 
am Kreuze zwischen Räubern wie ein Verbrecher — lauter Vor- 



1) Diesen Gedanken führt sehr schön aus der Spanier Theodulf (f c. 821) 
in einem Gedicht mit der Ueberschrift : 

»De dispensatione divina , quae saepe occulta est , nunquam tarnen 
iniusta.« Dasselbe heisst : 

»0 vis, o decus, o excelsi gloria sensus, 

Quae mirari omnes, noscere nemo valet. 
Multa regi varie, qui humana in gente videmus, 

Ignarique sumus, cur, quid et unde fiat. 
Nam mala saepe bonos, reprobos bona saepe sequuntur, 

Et bona saepe bonos et mala saepe inalos. 
Saepe bonus premitur, malus in sublime levatur, 

Decidit atque malus, surgit ad alta bonus. 
Omnia iudiciis sunt haec moderata supernis, 

Sunt saepe occulta haec, nunquam inhonesta tarnen : 
Quae suavi ac forti disponit singula nutu 

A fine in finem, et cuncta gubernat herus. 
Judicat ergo Deus nee nulla, nee omnia semper, 

Improba quae fiunt nunc sine lege sua. 
Tempore iudicium si nullum agitaret in isto, 

Nonne impune foret quod furor ater agit? 
Mox curare Deum mortalia nulla putantes, 

Effrenes irent in mala cuncta mali. 
At si peccantes mox ultio digna feriret, 

Ictaque iudicii cuncta secura forent : 
Irrita supremi remanerent iura diei, 

Judicii et nullum tempus haberet opus. 
Judicat hinc quaedam ut nostra hunc curare sciamus, 

Et quia quae gerimus spectat ab arce Deus: 
Judicat ideirco non omnia, plura reservat, 

Ut quid agat habeat ultima magna dies. 



Aus den Monumenta Germaniae. Berol. 1881, Poetar. lat. med. aev. 
tom. I. p. 467 sq. Vgl. Basilius, ep. 5, Migne, 32, 260; ep. 11, 1. c. p. 274. 

2) Eine Zusammenstellung diesbezüglicher Zitate findet sich bei Suicer, 
Thesaurus ecclesiasticus, Arastelod. 1782, unter ofcovopia, und bei Stephanus, 
1. c. unter demselben Worte , ebenso bei Du Cange, Glossarium ad scriptores 
mediae et infiraae graecitatis, Lugd. 1688, unter o'xovotjua; vergl. Florentis, 
traetatus de dispensationibus ecclesiasticis, Opp. Norimb. 1756, 1. 377. 

1* 



4 Dispensation und tfispensaiionswesem 

Stellungen, die mit der Idee Gottes als dem unendlich vollkom- 
mensten Wesen ganz unvereinbar sind. Dass sich aber Christus trotz- 
dem so sehr erniedrigt hat, lässt sich, wie die Kirchenväter sagen, 
nur daraus erklären, dass derselbe hier, gewissermassen auf seine 
göttliche Natur verzichtend , eine Ausnahme gemacht habe von 
der Regel , dass ein Gott nicht leiden , nicht sterben könne , und 
zwar auf Grund einer Dispensation. Im Martyrium des Apostel- 
schülers Ignatius heisst es l ) : e O ejuiöc xuptoc et xat arcefravsv, dl 
oixovofuav a-rceO-avsv.« Irenäus 2 ), Basilius 3 ) und Athanasius 4 ) lassen 
den Erlöser die menschlichen Schwachheiten oixovojxixwc , per dis- 
pensationem auf sich nehmen. Dass Christus, nachdem er mit 
seinen Jüngern das Schifflein bestiegen 5 ), sich vom Schlaf überman- 
nen und auch sonst menschliche Leiden über sich kommen liess, 
erklärt sich Cyritt 6 ) oixovojxix&c , da der Heiland vermöge seiner 
göttlichen Natur aller dieser Beschwerden enthoben war, und wenn 
sich Christus vom Teufel versuchen liess, so geschah auch dies nur 
vermittelst einer Dispensation 7 ). Für otxovo/xta in diesem Sinne 
rindet sich häufig als gleichbedeutend verwendet auyxaxaßaotc , was 
der Lexikograph Suidas, wie folgt, umschreibt: »oxav jxtj &Z scmv 6 
0sö? cpatvYjxat, aXA' cug 6 öovajxevog ccutov OeoopeTv olöc ts iaxtv 
ouxwc iauxov östxvuig, £7ct/jieTpö>v t<q t<ov 6p(«VTü)v aofrsveia xrjc o^ewc 
ttjv ifuöetitv« 8 ). 

1) Patrum apostolicorum opera, ed. Funk, Tüb. 1863. 2. 369. 

2) Contra haereses, 1. 1, c. 6, Migne, 7, 504. 

3) Ep. 236, Migne, 32, 878. 

4) De Trinitate dialogus quartus, Opera, ed. Corameliana, Heidelb. 1601, 
2. 204: Christus konnte leiden »unito sibi corpore, quod pati posset, ut passio 
fit oeconomiae respectu, non autem ipsius naturae Sermonis. Sicut enim fuit de 
via non in ipsa deitatis natura, sed habita unitionis oeconomicae ratione: ita 
passus est non in ipsa deitatis natura, sed quod ad unitionis oeconomiara at- 
tinet. Alioqui, quomodo qui absque labore fecit coelum et terram et incedit 
supra ventorum piunas, defessus fuisset, nisi sibi ipsi corpus univisset, quod fa- 
tigari posset? . . . Sicut autem corpus iilud animatum, quod Sermo sibi univit, 
est ipsius corpus non natura sed secundum oeconomiam : ita labor est ipsius 
labor , non natura sed secundum unitionis oeconomiam ; et perpessio est ipsius 
perpessio non natura (natura enim Sermonis est perpessionis expers) sed secun- 
dum unitionis oeconomiam« ; vgl. 1. c. p. 208. 

5) Matth. 8, 23. — 6) Exzerpte aus dem Kommentar zu Matth., Mai, 1. 
c. 2. 476. — 7) Poterius in 1. 2, c. 1. de expositione veteris Testamenti Gre- 
gorii Magni, Opp. Greg. Mag. 1. c. 15, 7. — 8) Suidas, Lexicon, graece 
et latine, ed. Bernardy , Halle und Braunschweig 1853, unter suyxaxaßaais. 
Zotiaras gibt in seinem Lexikon folgeude Erklärung: Oixovouia ist xou [xeye'frou; 
auyxaxaßäac<; : rcoXu SuaTxapaSsxxo? Vjv 6 i% japxwjsw; Xdyog . vj yap uTcepßoXrj zr t q 
cptXav&ptoJc'a? auiQÜ xai xb as'ys&o; xrj; auyxaraßaaew;;« ed. Tittmann, Lips. 1808, 
2. 1433. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 5 

Nach der Auffassung der Kirchenväter hat sich also die Heils- 
thatsache in der Weise verwirklicht, dass der Sohn Gottes sich 
herabliess (auyxaTaßai'veiv) , seiner göttlichen Natur wenigstens an- 
scheinend zu entsagen und so vermittelst einer Dispensation sich 
mit einem menschlichen Körper zu vereinigen. 

Uebertragen wir nun den eben ermittelten Sinn von oixovo/jucc, 
dispensatio auf menschliche Handlungen, so bedeutet derselbe das 
umsichtige Abwägen sämmtlicher für die Entscheidung eines Falles, 
für das Handeln oder Nichthandeln, für das So- oder Andershandeln 
in Betracht zu ziehenden Momente. Kommt man bei diesen Er- 
wägungen zu einem Resultat, das eine Abweichung von der allge- 
meinen Regel für gut erscheinen lässt, und handelt man gemäss 
demselben, so ist dies eine Ausnahme, welche in der Dispensation ihre 
Rechtfertigung findet. Ob und inwieweit nun die patristische Literatur 
eine derartige Uebertragung der oixovojjtia , dispensatio kennt und 
auch dem Menschen Dispensationen für seine Handlungen zugesteht, 
muss hier nun des näheren untersucht werden. Wir werden sehen, 
wie bereits in der alten Philosophie otxovojjua im Sinne der Ge- 
stattung einer Ausnahme gebräuchlich war, wie dann die Kirchen- 
väter dieses Prinzip adoptierten und ihm eine biblische Grundlage 
zu geben bemüht waren. 

Die eigentümliche Ansicht über Lüge und Wahrhaftigkeit, 
wonach die eigentliche Lüge nur in der Selbsttäuschung besteht, 
nur diese unbedingt verwerflich , die Täuschung anderer dagegen in 
allen den Fällen erlaubt ist, wo sie ihnen zum Besten gereicht, ver- 
leitete Sokrates und Plato dazu, dem Einzelnen unter gewissen Be- 
dingungen sowie auch der Staatsbehörde als Hülfsmittel der Erziehung 
und Regierung die Anwendung der Lüge zu gestatten x ). Das 
^suöog ist danach erlaubt überall, wo der Vorteil des andern oder 
das Gemeinwesen selbst eine Täuschung erfordert. Hierin ist das 
Prinzip der sog. Notlüge ausgesprochen. Die Lüge ist dem Men- 
schen heilsam, sagt Plato, nach Art einer Arznei, »cor §y «papjiaxou 
sfdet,« und um der Heilung anderer willen ist es unter Umständen 
gar nicht zu vermeiden , die Unwahrheit zu reden 2 ). So darf z. B. 
der Arzt dem Kranken, an dessen Rettung er beinahe verzweifelt, 
auf sein Befragen über seinen Zustand eine beruhigende Antwort 
geben, um nicht selbst die Unmöglichkeit des Gelingens der letzten 
Anstrengungen herbeizuführen, die er zur Heilung desselben macht. 



1) Zelter, Die Philosophie der Griechen, Leipzig, II. 123, 500. 

2) De republ. 1. 3. c. 3. ed. Schmelzer, Berol. 1884, p. 109. 



6 Dispensation und Dispensationswesen. 

Seitens der Stoa wird diese Notlüge motiviert durch eine oixovojxta, 
eine Verstellung, indem man sich den Anschein gibt, als thue oder 
sage man etwas, während man in Wahrheit etwas ganz Anderes 
thun oder sagen sollte; man verfolgt aber damit einen ganz beson- 
dern, einen guten Zweck, so dass mit Rücksicht auf einen derartigen 
Bestimmungsgrund die Abweichung von dem oder die Unterlassung 
dessen, was man eigentlich thun oder sagen sollte, hinreichend be- 
gründet erscheint. Die Rechtfertigung zu einer solchen Verstellung er- 
giebt sich durch die Anwendung einer oixovo/jua. So berichtet uns Johann 
von Stobi, genannt Stobaeus, in seiner Anthologie x ). Mark Aurel, 
der bekanntlich der stoischen Lehre huldigte, sagt in seinem Buch 
» ITspl iauTou« : Der Gerechte wandelt im Leben, frei von jeder Ver- 
stellung = oixovo/jita * »rcoÄXa yap xax 3 oixovojjiiav ytveTai 2 ).« Vieles 
geschieht auf Grund einer Verstellung, Heuchelei. Hiernach heisst, 
xax' oixovojuav etwas thun, so viel als etwas anderes thun, als das, was 
man eigentlich sollte, sich verstellen, um einen Zweck zu erreichen, 
den man nach dem natürlichen Lauf der Dinge auf dem gewöhn- 
lichen Wege nicht erlangen würde. Gewisse Handlungen tragen näm- 
lich an sich den Charakter des Bösen; erhalten sie aber unter dem 
Einfluss besonderer Umstände ihre Richtung auf einen speziell guten 
Zweck , dann kann die Vornahme derselben gestattet sein , ohne 
dass dadurch den Handelnden irgend eine Schuld träfe. Dieses ist 
die Wirkung der Dispensation. Auch bei Arrian, der uns die phi- 
losophischen Grundsätze seines Lehrers Epiktet überliefert hat, be- 
findet sich eine Stelle, in der die Rede davon ist, dass im Leben 
Vieles auf Grund einer otxovo/xia geschieht, das von dem abweicht, 
was für die betreffenden Fälle sonst als Regel gilt 3 ). 

In dem bisher erörterten Sinn geht die oixovojjua in die 
patristische Literatur über. Klemens von Alexandrien 4 ) sagt von 

1) »Tco jj-svcoi il/eu'Ssi 7cots Q\iy£pi\a<x?§ot.i vo|ju£ouaiv (sc. Stoici) aüxov (sc. sa- 
pientem) xaxa izoXkohc, xpörcou^ äveu suyxaxaiHgewi; • xat yocp xaxa axpaxrjYiav rcpb; 
Twv avTOTaXwv xai xai:« ttjv xou auiJKpe'povxo? ;rpo<5pa<HV xai xax' aXXa? oixovoLua; xou 
ßiou 7ioXXa;.« Ed. Wachsmuth, Berol. 1884, 2. 230. Heeren übersetzt in 
seiner Ausgabe des Florilegiums , Gott. 1801, an dieser Stelle, 1. 2. c. 7, 2. 
251, otxovojjLia? mit necessitatibus. Dies ist nicht richtig. Die Notlüge hat 
nach der Auffassung der alten Philosophen ihre Berechtigung in der die that- 
sächliche Notlage berücksichtigenden Erwägung, dass man im Falle einer 
solchen von der Wahrheit abweichen darf. 'Die oixovojjua ist also selbst nicht 
die Notwendigkeit, sondern setzt diese vielmehr voraus. 

2) De rebus suis libri duodecim, ed. Gataker, Lond. 1652, 1. 4. §. 51, 
p. 34; vgl. 1. c. 1. 4. §. 19. p. 26. 

3) Arrianus in Epictet., ed. Schenkt, Lips. 1894, 1. 3. c. 14. n. 7. p. 246. 

4) Stromata, 1. 7. c. 9, Migne, 9, 474. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. * 

dem Gnostiker: Er fühlt und sagt nur Wahres, es sei denn, dass 
er mit der Unwahrheit einen besondern Zweck verbinde, wie der 
Arzt es thut, der dem Kranken den wahren Zustand der Krankheit 
verheimlicht. Zur Begründung dieser seiner Behauptung beruft Klemens 
sich auf Plato und zitiert wörtlich die bereits *) erwähnte Stelle aus 
dessen Staat. Lüge und lügenhaftes Benehmen seien aber nur ge- 
stattet »xax 3 oixovojxiav« 2 ). Eine derartige Dispensation habe z. B. 
der Apostel Paulus gebraucht, als er seinen Schüler Timotheus be- 
schneiden liess, obgleich er selbst die Vornahme jüdischer Zeremonien 
den Christen ausdrücklich verboten hatte 3 ). Paulus lasse sie aber zu, 
um durch die rücksichtslose Forderung der strengen Beobachtung 
der Gesetze die neu bekehrten Juden nicht wieder vom Christen- 
tum abzustossen und den noch nicht bekehrten den Uebertritt mög- 
lichst zu erleichtern. Seine Betrachtung schliesst Klemens mit den 
Worten: » e O toi'vuv \*.&x? 1 t ^ aujjiTrsptcpopag öta tyjv tcov rclAac 
aü)TY]p(av ouyxaTaßatvo)v ^tXrjg öta tyjv täv öt ooc, aujxTCspicpepsToci 
ocüTTjptav , ou8ejjua£ UTioxptasojg Sta tyjc £7i7]pTYjjievov xolq öixatotc 
OLTib täv Ct]Xouvtü>v xivöuvov ,u£T£^£iv avayxaCexai.« Wer also um 
des Nächsten Heil willen von den strengen Forderungen Abstand 
nimmt und sich dessen Lage akkommodiert, der macht sich wegen 
dieser ouYxaxaßaoi«; einer sündhaften Verstellung nicht schuldig 4 ). 
Ganz dieselbe Auffassung kehrt bei Origenes wieder. Im 
sechsten Buch seiner Stromata 5 ) erwähnt er ebenso wie Klemens 
die bekannte Stelle über die Notlüge aus Plato's Staat *) und knüpft 
an dieselbe folgende Erwägungen : Es ist Gottes absolut unwürdig auf 
Grund einer Dispensation die Unwahrheit zu sagen ; indessen spricht 
er manchmal um des Vorteils der Menschen willen in zweideutigen 
Worten, in Räthseln, so dass einerseits die Wahrheit nicht ver- 
schwiegen, anderseits das, was unter Umständen schaden könnte, 
gleichsam verhüllt mitgeteilt wird. Der Mensch dagegen darf sich 
der Lüge bedienen , da ihn manchmal die Not dazu treibt. Dann 
muss er sie aber gebrauchen nach Art eines Heilmittels und die 
Grenzen innehalten 6 ), gerade so wie es Judith dem Holofernes, 
Jakob seinem Vater gegenüber gethan hat. — Abgesehen von der 
Motivierung der Notlüge vermittelst der oixovojxia finden sich bei 
Origenes auch sonst noch viele Beispiele von Verstellungen, die er 
durch Zuhülfenahme der Dispensation zu rechtfertigen sucht. So 

1) vgl. S. 5 Anm. 2. — 2) Die Worte Piatos ev cpapjxaxou sYSei« umschreibt 
Klemens mit »ev freparaia? pipet« 1. c. — 3) 1. Cor. 9, 11. — 4) vgl. Stromata, 
1. 7. c. 12, 1. e. p. 502. — 5) Jiigne, 11, 102. — 6) d. h. die Dispensation nur 
insoweit anwenden, als dieselbe durch die Notwendigkeit gerechtfertigt ist. 



8 Dispensation und Dispensationswesen. 

gab sich z. B. der König Jehu den Anschein, als ob er den Götzen 
Bai verehren wollte, während in der That dies nur als Vorwand 
dienen sollte, um denselben desto leichter und gründlicher ver- 
nichten zu können. Ueber die Gestattung der Beschneidung des 
Timotheus sagt Origenes, es sei manchmal erlaubt, dass ein wahrer 
Christ, der Gott im Geiste und in der Wahrheit anbetet, unter Um- 
ständen die typischen Zeremonien des Alten Testamentes vornehmen 
dürfe, >nva zobq tw tutcü) ösSouAiojisvouc; oixovo/juxcoTaxa lÄsufrspwaac; 
T&v tutkuv TzpoqaydicQ xfj aXf}§£(a.« Dies habe Paulus dem Timotheus 
gegenüber gethan und auch zu Kenchrä, als er sich das Haupt 
scheeren liess l ). 

Ein fernerer Vertreter dieser Ansicht ist Ghnjsostomus. 
Der Apostel Paulus, sagt er, hat die Beschneidung seines Schülers 
auf Grund einer Dispensation zugelassen. Ueberhaupt habe sich der 
Apostel den jüdischen Gebräuchen sehr oft akkommodiert »xat D oixo- 
vo/juav« 2 ). Der Apostel hatte behauptet, dass diejenigen, die sich 
beschneiden lassen, von der Erlangung des Heils ausgeschlossen seien, 
und später berichte er doch selbst im Galaterbrief 3 ), dass einer seiner 
Schüler mit seiner Erlaubnis sich der Beschneidung unterzogen habe. 
Diese Ausnahme lässt Chrysostomus geschehen um des Glaubens willen, 
indem Paulus sich den jüdischen Gebräuchen, soweit als es möglich 
war, fügte, aber nur vorübergehend, um das jüdische Volk desto 
leichter zu gewinnen und desto fester mit der Kirche Christi zu 
verknüpfen 4 ). Dispensationen dieser Art erwähnt Chrysostomus noch 
viele. Der Apostel Paulus hatte z. B. versprochen, auf seiner Durch- 
reise nach Mazedonien die Korinther zu besuchen 5 ) ; gewisse Gründe 
zwangen ihn aber von seinem Plan abzustehen, welche Aenderung 
Chrysostomus auf eine Dispens zurückführt 6 ). 

Von besonderem Interesse sind die Ausführungen Isiäors von 
Pelusium über die oixovojjua. Befehlen und Gestatten, sagt er 
in einem Brief 7 ), sind nicht dasselbe. Das Befehlen bezieht sich 
auf das, was unter allen Umständen geschehen muss, z. B. die 
Beobachtung des Verbots des Ehebruchs und des Mordes. Dem Be- 
fehlen gegenüber steht das Nichtbefehlen, das Nichtverbieten , das 
Gestatten %ax 3 oixovojuav. » v AXXo yap tö xeXeusiv, aXXo tö jxtj xs- 
Asusiv • tö iih yap vojAo&eaia«;, tö ö'oixovojjuac«. Das Nichtbefohlene 
ist also nach der Ansicht Isidors zulässig nur infolge einer gütigen 

1) Com. in Joann., Migne, 14, 429. — 2) Hom. 61 in Acta 21, 20, Migne, 
66, 321. — 3) 2, 3. — 4) Com. in ep. ad Galat. 2, 5, Migne, 61, 636; vgl. 
pp. 639, 613, 641, - 5) 1. Cor. 16, 5. - 6) Hom. 3. n. 3 in 2. Cor. 1 , 17, 
Migne, 61, 408. — 7) L. 4. ep. 73, Migne, 78, 1126. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 9 

Nachsiebt des Gesetzgebers, der gewisse Verhältnisse absichtlich nicht 
unter seinen Willen stellt: »tö <5e otxovojjuag tivoq svexsv ouyx^P 5 ^ - 
tat« 1 ). Die Dispensation wird demnach von Isidor aufgefasst als die 
Gestattung der Vornahme von nicht verbotenen Handlungen oder 
der Unterlassung von nicht gebotenen Handlungen, und nicht als die 
Gestattung der Setzung von verbotenen oder der Unterlassung von ge- 
botenen Handlungen. Eine Dispensation in dem Sinne Isidors wäre also 
die Gestattung der Ehe, indem dieselbe weder geboten, noch verboten 
ist, eine Auffassung, welche namentlich bei dem hl. Augustinus des 
öftern wiederkehrt. Isidor kennt die oixovojaioc aber auch in dem 
Sinne der Gestattung einer Ausnahme von dem, was sonst geboten 
oder verboten ist. Er führt selbst, und zwar in demselben Brief, 
ein Beispiel an, dass die Apostel die Beschneidung gestatteten: »auvs- 
Xü>pouv ös, obx ott ösT ysvsadai (sc. rcepiTOjjnj), ®^' Ott aocpTjc ouyxata 
ßaasax; rjv xP £t ' a<< 2 )- 

Seine Flucht verth eidigt der hl. Athanasius durch den Hin- 
weis darauf, dass sie auf Grund einer Dispensation geschehen , und 
class solche Ausnahmen, wie er an verschiedenen Beispielen zeigt, in 
der hl. Schrift öfters vorgekommen seien 3 ). 

In den Schriften des Id. Hieronymus finden wir die dispensatio 
im Sinne der Gestattung einer Ausnahme vielfach erwähnt. Paulus 
war den Juden ein Jude, um sie leichter für den Glauben an 
Christus zu gewinnen 4 ), er schor sich das Haupt 5 ), er liess den 



1) L. c. p. 1125. 

2) L. c. p. 1126; vgl. 1. 1. ep. 157, Migne, 78, 410, wo er sagt, dass 
Paulus sehr oft vermittelst einer Dispensation zum Gesetz zurückkehrte: »Oüxs 

öuv 7rsptt^[j.vcov Ttjxöikov outs sv «£u[xoi; xetp6[j.£vo; ouxs ol cc'jtou; Xs'ycov 7C£ptxsta&ai 
xrjv äXuutv, Tipb? xbv vd(j.ov uns'axpe^ev " äXX' ov acprjx£v o><; tiktioq v7]tuoc; ti.aXXov ap[j.6£ovxa 
cuxovojjuxoj? 8? £X£tvou? sÖe'"/_£xo, 'Iva. ys'viovTai XcXeiot.« 

3) 'AxoXoyia 7isp\ xvj<; cpuyrj; ayxou, Migne, 25, 667 sqq.; p. 670: »waxe xa 
xvjv cpuyv]V auxwv xai xb StaSpavai xwv ^rjxouvxojv xbv &ütxov, xat' o?xovö[j.iav xou Kupiou 
ysysvrja&ai.« Vgl. Gregor. Pap. I. 1. 31 Moral, c. 59, Opp. 1. c. 3.294: »Qua in 
re pensandum est, quia ille labores quosdam per dispensationis iudicium lauda- 
biliter declinat, qui pro Deo maiores alios fortiter tolerat. Nam saepe ab ho- 
minibus timor debilis cauta dispensatio vocatur, et quasi prudenter impetum 
declinasse asserunt, cum fugientes turpiter in terga feriuntur. Unde necesse 
est, ut in causa Dei, cum res dispensationis agitur, metus cordis subtilissima 
libratione pensetur: ne per infirmitatem timor subrepat et sese per dispensa- 
tionis imaginem rationem conflngat, ne culpa se prudentiam nominet; iamque 
nee ad poenitentiam animus redeat, quando hoc, quod inique perpetrat, vir- 
tutem vocat.« Der Papst wendet sich hier gegen die so gefährliche Selbst-, 
dispensation auf dem Gebiete der Moral. 

4) 1. Cor. 9, 20. — 5) Acta 18, 18; vgl. 21, 24. 



10 Dispensation und Dispensationswesen. 

Timotheus beschneiden 1 ), sagt Hieronymus 2 ), und dies Alles auf 
Grund einer Dispensation, simulatio 3 ) ; er habe sich gestellt, als 
käme er damit einem jüdischen Gebote nach, in der That aber 
wollte er auf diese Weise dasselbe um so leichter zu Fall bringen. 
Wie hätte er denn sonst den hl. Petrus wegen dessen Akkommo- 
dation an die Juden und dere*n Gebräuche tadeln können? fragt 
Hieronymus. Petrus habe hierin gerade wie Paulus von dem Mittel 
der Dispensation Gebrauch gemacht. Als aber nachher die nur 
unter den betreffenden eigenartigen Umständen begründete Hand- 
lungsweise des Apostels Petrus dem hl. Paulus als gefährlich er- 
schien, »nova bellator yerus usus est arte pugnandi, ut dispensatio- 
nem Petri, qua Judaeos salvari cupiebat, nova ipse contradictionis 
dispensatione corrigeret, et resisteret ei in faciem 4 ).« Was hier Petrus 
und Paulus Abweichendes thaten, sei nicht als »mendacium offi- 
ciosum«, sondern als eine »honesta dispensatio« zu betrachten 5 ). 

Das letzte Glied in der Reihe derjenigen Männer, deren An- 
sichten über die oixovo/xia, dispensatio im Sinne der Gestattung einer 
Ausnahme wir hier prüfen wollen, bildet der hl. Augustinus. Gott 
hat die Gesetze für die Menschen erlassen, sagt er, nicht aber für 
sich. Er ist also nicht an dieselben gebunden und kann, wo es ihm 
gut scheint, Ausnahmen zulassen. So hat er, als er Abraham den 
Befehl gab, seinen Sohn zu opfern, vom Verbote des Mordes dispen- 
siert u. s. w. 6 ). Augustinus nennt dies »exceptiones« , Ausnahmen 
von der Regel, welche auf dem Wege einer Dispensation zu stände 
kommen 7 ). Als solche Ausuahme gilt ihm auch die Gestattung 



1) Acta 16, 3. — 2) Com. in ep. ad Galat. 1, 2. Migne, 26, 364. 

3) Was Paulus in Acta 21, 16 that, war Verstellung aus Furchtsamkeit, 
sagt Stäudlin in seiner Geschichte der Sittenlehre Jesu, Gott. 1799, I. 730 ff. 
Eine derartige Behauptung widerlegt bereits der hl. Hieronymus in seinem an 
Augustinus über diese Frage gerichteten Brief: »Didicimus, quodpropter metum 
Judaeorum et Petrus et Paulus aequaliter finxerunt, se legis praecepta servare. Qua 
igitur fronte, qua audacia Paulus in altero reprehendit, quod ipse commisit? Ego, 
imo alii ante me exposuerunt causam, quam putaverunt, non officiosum menda- 
cium defendentes, sicut tu scribis, sed ostendentes honestam dispensationem, ut 
et Apostolorum prudentiam demonstrarent et blasphemantis Porphyrii impru- 
dentiam coercerent, qui Paulum et Petrum puerili dicit inter se pugnasse cer- 
tamine, imo exarsisse Paulum in invidiam virtutum Petri et ea scripsisse 
iactanter, quae vel non fecerit, vel si fecerit, procaciter fecerit id in alio re- 
prehendens, quod ipse commiserit. Interpretati sunt illi, ut potuerunt.« Ep. 
112, Migne, 22, 923. 

4) Comm. in ep. ad Galat. 1, 2, Migne, 26, 363. — 5) vgl. das Zitat in 
Anm. 3. — 6) Quaestiones in Heptateuch. 1. 7. qu. 36, Migne, 3, 803. — 7) De 
civitate Dei, 1. 1. c. 21, Migne, 41, 35. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. H 

der Polygamie im Alten Testament 1 ). Was Paulus dem Petrus 
gegenüber that, war eine »dispensatoria simulatio« 2 ), während hin- 
gegen letzterer wegen allzugrosser Akkommodation an die jüdischen 
Gebräuche sich eine »perniciosa simulatio« zu schulden kommen 
Hess 3 ). Auf Grund einer Dispensation gestattete Paulus die Be- 
schneidung seines Schülers. Ebenso machte der Heiland von der 
Dispensation Anwendung, als er entgegen dem Verbot den Aus- 
sätzigen im Tempel opfern hiess 4 ). Als die Juden die Jünger des 
Herrn der Sabbatschändung anklagten, weil sie Aehren gepflückt 
hatten, führte ihnen Christus das Beispiel Davids vor, der die hl. 
Brote gegessen hatte, obschon dies strengstens untersagt war 5 ). 
Hiezu bemerkt Augustinus : Christus wollte hiermit nachweisen, dass 
im Alten Testament manchmal etwas gestattet wurde, was sonst 
nicht erlaubt war. Hätten doch die Macchabäer an einem Sabbat 
ihre Feinde besiegt 6 )! Aus bestimmten Gründen und zur Erreichung 
bestimmter Zwecke werde in gewissen Fällen gegen das Gesetz ge- 
handelt, ohne dass man sich einer Verletzung desselben schuldig 
mache. 

Bevor wir dieses Kapitel zum Abschluss bringen, wollen wir 
noch auf zwei Anwendungsformen von otxovo/jia hinweisen, welche 
das Gesagte näher zu erläutern sehr geeignet sind. Die Kirchen- 
väter bezeichnen nämlich die schonende Zurückhaltung bei der Auf- 
klärung anderer, wonach den Zuhörern nicht die volle und ganze 
Wahrheit mitgeteilt wird, sondern nur so viel, als sie vermöge ihrer 
schwachen menschlichen Kräfte fassen und ertragen können 7 ). Eine 
Dispensation liegt hier insofern vor, als die Wahrheit nicht ihrem 
ganzen Inhalte nach eröffnet wird , indem die Rücksicht auf die 
Zuhörenden eine ihrer endlichen, beschränkten Natur entsprechende 
Mitteilungsform erheischt 8 ). Als Dispensationen finden sich ferner 
bezeichnet »dispensationes rcept xä<; Xe^eic, circa varium et liberum 
dogmata et res fidei exprimendi moclum« 9 ). Es sind dies aber keine 
Dispensationen von Glaubenssätzen, sondern es handelt sich hier um 



1) De bono coniugali, c. 17, Migne, 40, 586. — 2) Ep. 28. c. 3, Migne, 
33, 112; vgl. p. 287 und de mendacio, c. 4, Migne, 35, 489. — 3) Ep. 40. 1. 
c. p. 155; ep. 82, p. 278. — 4) Quaestiones ex nov. test. , qu. 60, Migne, 35, 
2256 sq. — 5) Matth. 12, 1 sq. — 6) 1. Macchab. 2, 38, 41 ; August. 1. c. p. 2257. 

— 7) Maximus ad Pyrrhum presbyterum , in Graecia orthodoxa, ed. Allatius, 
Rom. 1652, I. 86; Gregor. Pap. L, 1. 20. Moral, c. 29, 1. c. 2. 278; Marea, 
De eoncordantia sacerdotii et imperii, Venet. 1770, 1. 3. c. 13. n. 11. — 8) Vgl. 
Algerus von Lüttich, Liber de misericordia et iustitia, c. 24, Migne, 180, 866. 

— 9) Hierüber des näheren an späterer Stelle. Das Zitat rührt her von Florens, 
1. c. p. 382. 



12 Diapensation und Dispensationswesen. 

die Duldung gewisser, von der gewöhnlichen Benennung eines Dog- 
mas abweichender Bezeichnungen *). 

Fassen wir die bisherigen Ausführungen zusammen, so ergibt 
sich als Resultat Folgendes: Das Wort otxovo/jua, dispensatio wurde 
von den Philosophen wie von den Kirchenvätern angewendet, um bei 
den ersteren die Notlüge, bei den letzteren sowohl diese als auch 
andere Abweichungen von dem gewöhnlichen Wege , von der allge- 
meinen Regel des Handelns zu motivieren. Der Sinn des Wortes ist 
somit: Gestattung der Vornahme einer unerlaubten oder der Unter- 
lassung einer gebotenen Handlung aus besonderen Rücksichten. Dies 
finden wir vollauf bestätigt durch Anastasius Sinaita aus dem 
VIT. Jahrhundert, der in seinem "Oörjyoc 2 ) unter der Rubrik »rcspl 
oixovojaixwv« eine Definition von oixovojwa gibt, die unsern Aus- 
führungen ganz entspricht. »Alyojicv TcaXtv oixovojuxwc , xal oxe 
ylvExat TCpay/jia ob rcavTtoq ÖcpelAov ysveoOai, yivexat ös öta auyxa- 
xaßaotv xal oxouöv owTTjptag tiväv 3 ).« Eine oixovojjua liegt demnach 
dann vor, wenn etwas, was an sich nicht geschehen sollte, trotzdem 
zugelassen wird, indem derjenige, der eben dies gestattet, mit Rück- 
sicht auf das Heil des andern uud auf dessen Schwäche sich herab- 
lässt, das Unerlaubte geschehen zu lassen. So habe z. B. Paulus 
eine oixovojxia erteilt, als er die Beschneidung seines Schülers ge- 
stattete. Auch an Christus sei diese Handlung nur auf Grund einer 
oixovojxia vorgenommen worden , damit er nicht den Anschein 
erweckte, als sei er gekommen, das Gesetz aufzuheben. 

Die Lateiner übersetzten oixovojjua mit dispensatio und ver- 
banden damit ganz denselben Sinn, den wir soeben eruiert haben. 
In den Uebertragungen der patristischen Schriften in die deutsche 
Sprache finden sich oixovoju'a und dispensatio wiedergegeben mit 
»klugberechnete Massregel, Handlungsweise« 4 ). Diese Begriffe sind 



1) Diese Andeutungen genügen für unsern Zweck; vgl. des nähern bei 
Allatius, 1. c. 1. 86 sqq. die Eede des Patriarchen Veccus von Konstantinopel 
über diese Frage; Maren, 1. c. 1. 3. c. 13. n. 11 sqq. — 2) Migne, 89, 86. 

3) Betreffs Christus, sagt er, könne man in dreifacher Beziehung von 
einer o?xovo ( u.ia reden. Einmal wird dieselbe angewendet in Bezug auf seine 
Menschwerdung; dann in dem im Texte besprochenen Sinn; drittens: als er 
hungernd zu dem Feigenbaum kam und über denselben dauernde Unfruchtbar- 
keit aussprach, (Matth. 21, 19), als er trockenen Fusses durch das Meer 
wandelte (Marc. 6, 47 ff.). Die zitierte Stelle des Sinaiten ist erwähnt im 
Thesaurus des Stephanus, unter ofoovofxia, ohne Angabe des Verfassers, Der De- 
finition von oixovojxia, wie sie Anastasius gibt, schliesst sich an Zonaras in 
seinem Lexikon, unter oixovofjuxbv Ttpayaa, 1. c. 1. 1435. 

4) Z. B. Bibliothek der Kirchenväter, Kempten 1882, 7. Q6 ff. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 13 

offenbar zu weit; gerade das wesentliche Moment, wonach es sich 
um eine Abweichung vom Gewöhnlichen handelt, ist darin nicht zum 
Ausdruck gebracht. 

Sehen wir so die Dispensation als Gestattung einer Ausnahme 
in der Literatur durchgängig vertreten, so lag anderseits die Ueber- 
tragung derselben auf rechtliche Vorschriften sehr nahe. Inwie- 
weit dies geschehen, wird im Folgenden des näheren untersucht 

werden. 

II. Kapitel. 

Die Dispensationen auf rechtlichem Gebiete. 
§. 2. Die Dispensation im attischen, jüdischen und römischen Recht. 

Bevor wir auf die kanonische Dispensation näher eingehen, 
glauben wir an dieser Stelle einen Halt machen zu müssen, um uns 
darüber klar zu werden, ob und in welchem Umfange die Rechte der 
Israeliten, Griechen und Römer eine Dispensation gekannt haben. 
Auf diese Weise gewinnen wir einen Einblick in das Dispenswesen 
derjenigen Völker, in deren Mitte das Christentum zuerst eingepflanzt 
und verbreitet wurde. 

Das attische Recht gestattete, soweit dies aus den überlieferten 
Nachrichten ersichtlich, unter keinen Umständen eine Ausnahme von 
dem allgemeinen Gesetz, da alle Bürger vor demselben gleichgestellt 
sein sollten 1 ). Auch den Israeliten war die Dispensation unbekannt, 
denn laut göttlicher Anordnung war es ihnen strengstens verboten, 
etwas zu dem Gesetze hinzuzufügen oder von demselben wegzuthun 2 ). 
Wie die attische Gesetzgebung die Gleichheit aller Bürger vor dem 
Gesetz bezweckte, so sollte auch das Zwölftafelgesetz bei den Römern 
eine vollkommene Gleichheit herstellen 3 ). Es sprach den Grundsatz 
aus: privilegia ne irroganto 4 ). Ueber die Deutung desselben ist man 
sich nicht einig. Dirksen erwähnt 5 ) fünf verschiedene Erklärungs- 
versuche. Wir entscheiden uns für den vierten, dessen Hauptver- 
treter Cujacius ist 6 ). Nach dessen Meinung sollen die Worte der 
zwölf Tafeln nur den dauernden Befreiungen der Individuen von der 
allgemeinen Regel der Gesetze, nicht aber den blos vorübergehenden 
Begünstigungen derselben , also namentlich nicht der gesammten 



1) N6[j.o; ' p]8£ v<5[i.ov s£stva'. etc' ävSpi frslvat, eav uu] xbv auxbv im racaiv 
A^vivaio^.« Demosthenes contra Timocrat. §. 59, ed. Blass, 2. 236; vergl. 
Mayer, Die Rechte der Israeliten, Leipzig 1866, 1. 37. Anm. 17. 

2) 5. Moses, 4, 2; vgl. Mayer, a. a. 0. S. 43; 2. 315. 

3) Tacitus, Annal. III. 27 nennt es »finis aequi iuris.« 

4) Vgl. Dirksen, Zivilistische Abhandlungen, Berlin 1820, S. 246 ff. 

5) A. a. 0. — 6) Observat. 1. 15. c. 8. 



14 Dispensation und Dispensationswesen. 

Klasse der Dispensationen entgegen sein. Diese Deutung wird zu- 
nächst der Thatsache gerecht , dass die Römer das Dispenswesen in 
ausgedehntem Masse kannten , und giebt ferner auch ein Mittel an 
die Hand , den Widerspruch zu lösen zwischen denjenigen Stellen, 
welche eine Ausnahme streng verbieten, und solchen, welche dieselbe 
gestatten. Noch Ulpian stellt die Regel auf, dass ein Gesetz nicht 
für Einzelne, sondern für die Allgemeinheit gegeben werden solle *), 
und deunoch räumt derselbe Jurist dem Kaiser die Befugnis ein, 
für einzelne Personen, Fälle oder Sachen Ausnahmen von dem Recht 
zu gestatten 2 ). 

So lange das Dispensationsrecht in den Händen des Volkes 
lag, lässt sich wohl annehmen , dass es sich mehr auf den strengen 
Standpunkt gestellt und von seiner Befugnis nur in den dringendsten 
Fällen Gebrauch gemacht habe. Nachdem aber der Senat die Dispen- 
sationsgewalt an sich gebracht, da ging der Missbrauch derselben 
mit der Zeit so weit, dass i. J. 64 v. Ch. der Volkstribun Kornelius 
den Antrag stellte, Gesetzesbefreiungen sollen von nun ab nur in 
den Versammlungen des Volkes gewährt werden: »ne quis nisi per 
populum legibus solveretur« 3 ). Hier begegnet uns für die Dispen- 
sation der Ausdruck »legibus solvere«. Wir finden denselben auch 
bei Cicero, wenn er von dem Naturrecht sagt: »nee vero aut per 
senatum aut per populum solvi hac lege possumus« 4 ). Im justinia- 
nischen Gesetzbuch finden sich derartige solutiones legibus in Menge 
verzeichnet. Es gehören hierher mehrere Begünstigungen auf dem 
Gebiete des Strafrechts 5 ), die Entbindung einer Witwe von der Be- 
obachtung des Trauerjahres 6 j , die Bewilligung der Testamentser- 



1) 1. 8. D. de leg. 1,3: iura non in singulas personas sed generaliter 
constituuntur ; vgl. Glück, Ausführliche Erläuterung der Pandekten, Erlangen 
1797, Bd. 1. §. 98, S. 548 ff. 

2) L. 1. §. 2. D. de constit. 1,4: nam quae prineeps alicui ob merita 
indulsit, vel si quam poenam irrogavit, vel si cui sine exemplo subvenit, per- 
sonam non egreditur. — Dirksen, a. a. 0. S. 250, Anm. 22; Puchta, Ge- 
schichte des Rechts bei dem römischen Volk, Leipzig 1881, S. 171; vgl. Mamm- 
aen, Römisches Staatsrecht, Leipzig 1876 ff., Bd. 3, Abt. 1. S. 337; vgl. Bd. 3. 
Abt. 2. S. 1228. — 4) De republica, 3, 33, Op. ed. Nobbe, Lips. et London. 1869, 
p. 1139; vgl. Cicero, Oratio pro Rabirio Postumo, c. 5, 1, c. p. 570: »Reus 
Postumus est ea lege, qua non modo ipse sed totus etiam ordo solutus ac liber 
est.« Vgl. Auct. Herenn. 3, 2, I.e. p. 16: »Se deliberet senatus, solvatne legi- 
bus Scipionem, ut eum liceat ante tempus consulem fieri.« — 5) 1. 5. D. de 
poenis, 48, 19 [temper amentam); 1. 9. §. 11, 1. c. (liberatio); 1. 27. 1. c. mi- 
nutio poenae, in integrum restitutio); 1. 2. D. de sent. pass. et restit. 48, 
23 (indulgentia). — 6) 1. 10. D. de his qui nat. inf. 3, 2 (solet a principe 
impetrari). 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 15 

richtung durch eine gesetzlich dazu unfähige Person *), die Gestat- 
tung der Adoption seitens einer Frau 2 ), die venia aetatis, sog. Jahr- 
gebung bei mangelnder Volljährigkeit 3 ). Auf dem Gebiete des 
Eherechts gibt es ausserdem eine ganze Reihe von diesbezüglichen 
Erlassen und Beispielen. Die lex Julia de maritaudis ordiuibus be- 
hält dem Kaiser ausdrücklich das Recht vor, in denjenigen Fällen 
Dispensation zu erteilen, in denen eine solche ihm angebracht er- 
scheint 4 ). Justinian stellt den bekehrten Schauspielern für den Fall 
ihrer Verheiratung Dispensation vom Eheverbot der lex Julia in 
Aussicht, sobald sie darum nachsuchen würden 5 ). Von dem Verbot 
der Ehe zwischen Vormund und Mündel haben die Kaiser oft dis- 
pensiert 6 ). Ueberhaupt wurden, wie sich aus C. de incestis et inuti- 
libus nuptiis 5, 5 zur Genüge ergibt, während der Kaiserzeit Ehe- 
dispensen in massloser Weise gewährt 7 ). Zur Zeit der Kaiser Zeno 
und Basilius waren die Gesuche um Befreiung von dem Hindernis 
der Ehe mit des Bruders Sohn oder Tochter so häufig, dass ein 
ausdrückliches Verbot dagegen erlassen werden musste, die Ge- 
stattung solcher Ehen fernerhin nachzusuchen 8 ). Dem Verbot der 
Geschwisterkinderehe fügte Honorius ausdrücklich bei, dass Dispen- 
sationen von demselben erhalten werden können 9 ). Schliesslich ver- 
dienen noch erwähnt zu werden die Befreiungen von den erbrechtlichen 
Beschränkungen, welche ein Gesetz des Augustus den Ehe- und 
Kinderlosen auferlegte 10 ). 

Betreffs der überlieferten Beispiele von Dispensationen glaube 
ich auf die Zusammenstellung bei Dirksen verweisen zu dürfen. 
Das Gesagte genügt, um zu beweisen, dass im römischen Recht die 
Dispensation als ein allgemein zulässiges und übliches Befreiungsmittel 
von den strengen Forderungen des Gesetzes angesehen wurde. Die 
Bezeichnung dispensatio aber mit dem technischen Sinn, den wir heute 



1) 1. 7. C. Qui test. fac. pos. 6, 22; 1. 43. pr. D. De vulg. et pupilli 
substit. 28, 6 (beneficium) ; 1. 7. D. Qui test. facere possunt. 28, 1 (licentia). 

2) §. 10. J. De adopt. 1 , 11 (indulgentia). — 3) 1. 3. C. Si minus se 
maior. dix. 2, 43 (beneficium in integrum restitutionis). — 4) 1. 31. D. De 
rit. nupt. 23, 2 (indulgentia). — 5) 1. 23. C. De nuptiis, 5, 4 (licentia, bene- 
ficium). — 6) 1. 7. C. De interdict. matr. 5, 7 (beneficium). — 7) 1. 2. C. Si 
nupt. ex rescripto petantur, 5, 8 (indulgentia)', vgl. Dirksen, a. a. 0. S. 250 ff. 
— 8) L. 2. C. Si ffupt. ex rescript. pet. 5, 8 (licentia). — 9) L. un. C. Theod., 
Si nupt. ex rescript. pet. 3, 10; vgl. Zimmern, Geschichte des römischen Pri- 
vatrechts bis auf Justinian, I. Abtheilung 1, Heidelberg, 1826, S. 353; Moy, 
Das Eherecht der Christen in der morgenländischen Kirche bis zur Zeit Karls 
des Grossen, Regensburg, 1833, S. 207. — 10) Mammaen, a. a. 0. B. 3. Abt. 2. 
S. 1235. 



16 Dispensation und Dispensationswesen. 

mit diesem Wort verbinden, ist den Römern unbekannt x ). Dies gilt 
aber nicht von der Sache selbst, von dem Begriff der Dispensation 2 ). 
Die gebräuchlichen Benennungen sind: venia, liberatio, indulgentia. 
beneficium, in integrum restitutio. Am häufigsten finden sich bene- 
ficium und indulgentia. 

Die Dispensation auf dem Gebiete des Kirchenrechts. 

§. 3. Die Dispensation bei den Kirchenvätern. 

In der kanonischen Literatur findet sich vielfach die Ansicht 
ausgesprochen, dass wegen des grossen Eifers der Christen und der 
geringen Anzahl der Gesetze während der drei ersten Jahrhunderte 
Ausnahmen von den rechtlichen Vorschriften überhaupt nicht vorge- 
kommen seien. Die ideale Auffassung von der Kirche und ihren 
Anordnungen habe gleich von vornherein jedes Verlangen nach einer 
Befreiung von denselben unterdrückt. Dies geben wir auch zu. Daraus 
folgt nun aber noch lauge nicht, dass Dispensationen überhaupt nicht 
vorgekommen seien. Ueber dem Nichtverlangen- Wollen stand das Ver- 
langen- Müssen, die Nothwendigkeit, die, wie es ebenfalls heute noch 
geschieht, ganz besonders aber in den ersten Jahrhunderten dazu 
zwang, in gewissem Umfang Abweichungen von den gesetzlichen Vor- 
schriften zu dulden. Durch einen noch so glühenden Eifer allein 
konnten die misslichen Zustände der damaligen Kirche nicht gehoben 
werden. Das starre Recht musste nachgeben und sich Ausnahmen 
gefallen lassen. Man denke nur an das Bild, das uns Basilius über 
die schreckliche Lage der Kirche von damals entwirft: Die Beobachtung 
der Kanones war verschwanden, jeder that was er wollte 3 ). Der Kir- 
chenvater spricht hier nur von dem Verderben, das die Häresie über 
die Kirche gebracht hat. Wenn nun schon die Häresie die kirch- 
lichen Zustände so sehr verwirren konnte, um wie viel trauriger muss 
dann die Lage der Kirche gewesen sein zu der Zeit, wo sie ausser- 
dem noch unter dem schweren Joch der Verfolgungen zu leiden 

1) Baldus sagt in seinen Anmerkungen zu Durantis Speculum iuris: 
»hoc verbo (sc. dispensatione) textus legum raro utuntur.« Dafür sei indulgentia 
gebräuchlich. 1. 1. p. 1. fol. 39. Die Entbindung vom Eid bezeichnet Sueton 
als gratia. Suetonii quae supersunt omuia, ed. Roth, Lips. 1886, c. 35. p. 101: 
»E(quiti) R(omano) iuris iurandi gratiam fecit (sc. Tiberius), uxorem in stupro 
generi compertam dimitteret, quam se nunquarn repudiaturum ante iuraverat.« 

2) Die zitierte Arbeit Dirksens ist die einzige Monographie, welche die 
römisch-rechtliche Litteratur in dieser Beziehung aufzuweisen hat. Erwähnung 
verdient noch eine Dissertation aus d. J. 1835, Mello Baker, de dispensatione 
sive venia legis, welche mir trotz aller Bemühungen unzugänglich blieb. Uebri- 
gens wird in der Literatur auf dieselbe in keiner Weise Rücksicht genommen. 

3) Ep. 92, Migne, 32, 480. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Juhrh. 17 

hatte? Lässt sich annehmen, dass eine Heilung solcher Uebelstände 
vermittelst Anwendung des strengen Rechts hätte stattfinden können? 
Wie richtig diese unsere Auffassung ist, beweist klar und 
deutlich ein Dokument aus der diokletianischen Verfolgung (305 — 6.) 
Während derselben hatte Meletius in fremden Diözesen Weihen vor- 
genommen. Dies war, wie mehrere Bischöfe Aegyptens an ihn schrei- 
ben *) , gegen alle Regel (aliena a more divino et regula ecclesia- 
stica) , und Meletius wisse ja selbst, dass es »lex est patrum et 
propatrum ... in alienis paroeciis non licere alicui episcoporum 
ordinationes celebrare.« Wenn auch Meletius nun in diesem Briefe 
getadelt wird, so geschieht dies nur deshalb, weil die ägyptischen 
Bischöfe Hesychius, Pachomius, Theodorus und Phileas von der An- 
sicht ausgiengen, dass die Voraussetzungen nicht vorgelegen haben, 
unter denen überhaupt eine Abweichung von der Regel gerechtfertigt 
sei. In ihrem Schreiben lassen sie nämlich Meletius den Einwand 
machen: »Egentibus gregibus ac desolatis pastore non subsistente, ne 
multorum incredulitate multi subtrahantur, ad hoc perveni.« Gerade 
diese Voraussetzung soll aber, wie sie behaupten, nicht vorgelegen 
haben, denn sie replizieren: »Certissimum est, illos non egere: pri- 
mum, quia multi sunt, circumeuntes et petentes visitare (sc. pastores); 
deinde et si quid ab ipsis neglegentius agebatur, opportuerat ex po- 
pulo properare ac nos exigere merito.« Damit wollen sie sagen, dass 
genug Priester vorhanden waren, dass also keine Not vorlag. Hätte 
diese Voraussetzung aber zugetroffen, dann wäre, wie die Bischöfe ja 
selbst zugebeu, die Handlungsweise des Meletius nicht zu tadeln. Mit 
andern Worten: Hier ist das Prinzip ausgesprochen, dass die strengen 
Rechtsregeln nicht rücksichtslos angewendet werden sollen, dass viel- 
mehr die Notlage manchmal ein Abgehen von demselben rechtfertige. 
Wir glauben nicht, dass sich in jedem einzelnen Fall für die 
Bischofsstühle Kandidaten finden und aufstellen Hessen, welche allen 
den Erfordernissen genügen konnten, welche bekanntlich der hl. Paulus 
an einen solchen stellt. Wird man z. B. einen Neophyten oder Bi- 
gamen, den seine soziale Stellung, sein Wissen, sein Charakter ohne- 
hin schon genug empfahlen, von der Weihe zurückgewiesen haben? 
Die Antwort auf diese Frage kann nur ein entschiedenes Nein sein. 
Das Konzil von Nizäa legt im zweiten Kanon ein bestimmtes Zeug- 
nis dafür ab, dass bereits vor dem Jahre 325 viele Abweichungen 
von den kirchlichen Gesetzen vorgekommen seien: »TtoXAa rJTot. örcö 
avayxYjc y) «AAüx; stcsi |ojiivu)v täv avdpcoTcwv eyevexo rcapa töv xaxova 



1) Ruth, Reliquiae sacrae, Oion. 1846, IV. 91 sqq. 

2 



18 Dispensation und Dispensationswesen. 

ixxX-qaiaoTixöv« 1 ). Dies gilt, wie die Konzilsväter selbst hervor- 
heben, namentlich von der Ordination Irregulärer. 

Obschon das Nizänum ausdrücklich verbot, die Weihe demjeni- 
gen zu erteilen , der erst kurze Zeit getauft war, so kamen doch 
immer noch Fälle vor, wo man aus dringenden Gründen sich über 
dieses Hindernis hinwegsetzte, wie z. B. bei dem hl. Ambrosius, und 
man konnte derartige Ausnahmen ganz gut durch die Berufung auf 
den apostolischen Kanon 80 (79) rechtfertigen, welcher am Schlüsse 
sagt: es schickt sich nicht, dass Jemand, der sich selbst nicht be- 
währt hat, der Lehrer anderer werde, wenn es nicht etwa durch be- 
sondere göttliche Gnade geschieht 2 ). Löning 3 ) bezeichnet diese Be- 
rufung auf eine göttliche Einwirkung ganz richtig als eine Hinter- 
thür, von der bei geeigneter Gelegenheit jedenfalls auch Gebrauch 
gemacht wurde. Wir sind weit davon entfernt, die Erhebung aller 
Neophyten auf Dispensationen zurückzuführen. Papst Zosimus beklagt 
sich sehr, dass in Gallien und Spanien wie auch in Afrika es fast zur 
Gewohnheit geworden sei, Laien unmittelbar zu Bischöfen zu weihen 4 ). 
Hier haben wir es offenbar mit einer Gewohnheit , mit einer Regel, 
nicht mit vereinzelten Ausnahmen zu thun. Den Ausdruck »prae- 
sumptio« will Zosimus jedenfalls nicht auf diejenigen Fälle ange- 
wendet wissen , in denen Neophyten unter Rücksicht auf die obwal- 
tenden Umstände zur Bekleidung des bischöflichen Amtes für beson- 
ders geeignet erachtet wurden. Die Bischöfe standen ja damals im Be- 
sitze eines uneingeschränkten Dispensationsrechts 5 ), und dass sie von 
demselben ausgiebigen Gebrauch machten, finden wir in den Quellen 
vielfach bestätigt. So gibt z. B. der Bischof Rufus im J. 414 dem 
Papst Iunocenz I. zu, verbotene Weihen bereits des öftern vorgenommen 
zu haben. Es ist dies ein Beweis dafür, dass die Dispensationen da- 
mals doch nicht so selten waren, wie man bis jetzt anzunehmen pflegte 6 ). 

1) Htftlt, Konziliengeschichte, Freiburg, 1873, 1. 378. 

2) Hefele, a. a. 0. S. 378: »s? pJ7rou y.axa frsiav "/ap iv touto yivs-cac.« 

3) Geschichte des deutschen Kirchenrechts, Strassburg 1878, 1. 127, Anm. 1. 

4) Am 21. Febr. 418, im Schreiben an Bischof Hesychios von Salona, c. 1. 
Coustant, Epistolae Roman. Pontif. Paris. 1721, 1. 968. 

5) Den Nachweis hiefür werden wir in einer besondern Arbeit liefern, welche 
die geschichtliche Entwickelung des Dispensationsrechts bis auf unsere Zeiten 
enthalten wird. 

6) Der Papst schreibt an den Bischof: »Eos qui viduas accepisse sug- 
geruntur uxores, non solum clericos effectos agnovi, verum etiam usque ad in- 
fulas summi sacerdotii pervenisse, quod contra legis esse praecepta nullus 
ignorat. Nam cum Moyses legislator clamitet : »sacerdos uxorem virginem ac- 
cipiat,* ac ne in hoc praecepto aliquid putaretur ambiguum, addidit: »non vi- 
duam neque eiectam.« Contra quod praeceptum divina auctoritate submissum 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 19 

Einen Grund dafür, dass die Kirche in den ersten Zeiten an 
der ausnahmslosen Anwendung ihrer Rechtssätze festgehalten habe, 
sieht Freisen x ) darin, dass dieselbe unter dem Einfluss des jüdischen 
Rechts gestanden habe, welchem bekanntlich der Begriff der Dispen- 
sation fremd war. Allein wie Hesse sich dann rechtfertigen, dass 
die Apostel die Befolgung alttestamentlicher Vorschriften bald aus- 
drücklich verboten, bald wieder davon dispensierten? Wie der 
hl. Paulus durch die Notwendigkeit gezwungen war, von dem stren- 
gen Recht abzugehen, ebenso waren es offenbar auch die Nachfolger 
der Apostel. Die Herrschaft des jüdischen Gesetzes, das in ganz an- 
derer Form dem Christenthum vermittelt wurde, war keine so strenge 
mehr, als dass sie nicht durch das Gesetz des Neuen Bundes, durch 
das Gesetz der Liebe hätte gebrochen werden können. Nehmen wir 
also irgend einen Einfluss des jüdischen Rechts an, so müssen wir ihn 
darauf beschränken, dass derselbe die Entwickelung der Dispensation 
hemmte, ihre Ausbildung verlangsamte. 

Die Kirchenväter sind insgesammt der Ansicht, dass von jeher 
in der Kirche Dispensationen üblich waren. Schon Tertüllian weist 
darauf hin, dass die Apostel »pro temporibus et personis et causis 
quaedam reprehendebant, in quae et ipsi aeque pro temporibus et 
personis et causis committebant« 2 ). Als die Einwohner von Koloniä 
über die Versetzung ihres Bischofs Euphronius auf den Metropoli- 
tanstuhl von Nikopolis trostlos waren, schrieb der hl Basilius an 
sie einen Brief, worin er sagt. »Oixovojjua xocatj icepi xöv . . . 
Eucppöviov .... feylvrjTai, avapeata tw xaipai), XüoitsXtjc xal xy 
ixxXijaia, Ttpöc igv uststsö-tj, xal ujuv, acp' tov sXVjcp&Tj 3 ).« Trotzdem 
der 16. Kanon des Nizänischen Konzils die Translation der Bischöfe 
ausdrücklich verboten hatte, machte man für Euphronius aus Gründen 
der Notwendigkeit und Nützlichkeit eine Ausnahme von der Regel. 
Derselbe Kirchenvater befürwortet ferner selbst die Weihe eines 
Neophyten zum Bischof 4 ). Die Not, sagte er, verlange eine Dis- 
pensation, und doch hatten kirchliche Gesetze, zuletzt eine Verord- 
nung des Papstes Sirizius, eine solche Ordination ausdrücklich ver- 
boten 5 ). Die in Antiochien durch die Eusebianer hervorgerufenen 
Unruhen, welche die Entstehung dreier Parteien zur Folge hatten, 

nulla defensio mandati alterius opponitur, nisi consuetudo vestra, quae ut ipsi 
fatemini, ex ignorantia ut verecundius dicam, non ex apostolica traditione et 
integra ratione constituta est.« Coustant, 1. c. I. 831. n. 1. 

1) Geschichte des kanonischen Eherechts his zum Verfall der Glossen- 
litteratur, Tüh. 1888, S. 905. — 2J Liber de praescript. c. 24, Migne, 2, 42. — 
3) Ep. 227, Migne, 32, 852; Thomassin, Vetus et nova ecclesiae disciplina, 
Paris. 1683, p. 2. 1. 3. c. 1. n. 14 sqq. - 4) Ep. 227, 1. c. p. 794. — 5) Ep. 6. 
n. 5, Coustant, 1. c. 1. 662. 2* 



20 Dispensation und Dispensationswesen. 

glaubt Basilius am besten dadurch zu dämpfen, dass man den ver- 
triebenen Meletius zurückrufe, und allen übrigen Anhängern Dispensa- 
tion erteile, kraft welcher denselben der Verbleib in ihren Weihegraden 
gestattet sein sollte 1 ). Mit der meletianischen Sache beschäftigte 
sich auch das Nizänum. Die Synode liess Milde vor Eecht ergehen, 
obschon Meletius einer Nachsicht eigentlich nicht würdig war. Es 
wurde beschlossen, er habe in seiner Stadt zu bleiben, habe aber keine 
Macht, Weihen zu erteilen oder Kleriker zu erwählen, (jult^ts xeipo&£- 
xsTv jjitjts Tcpo^iptCsaftai), weder in der Stadt noch sonstwo. Nur 
der Titel eines Bischofs bleibe ihm, die von ihm bereits geweihten 
Kleriker sollen aber revalidiert und dann wieder zur Kirchengemein- 
schaft zugelassen werden 2 ). 

Dass die Notwendigkeit die Gestattung von Ausnahmen von 
den kirchlichen Vorschriften verlange und rechtfertige, ist auch die 
Ansicht von Ckrysostomus. Dieser sagt, die Apostel hätten es selbst 
mit den von Paulus an einen Bischofskandidaten gestellten For- 
derungen nicht so streng nehmen können, da es unter den damaligen 
Verhältnissen ohne Zweifel keine leichte Sache war, Männer zu 
finden, die mit all' den verlangten Eigenschaften ausgestattet waren. 
Und doch habe man deren viele gebraucht 3 ) ! Die Not drängte eben 
dazu, bei Kandidaten, die sonst tauglich und erprobt waren, von der 
einen oder andern der betreffenden Anforderungen Abstand zu nehmen. 

Hieronymus spricht sich ebenfalls dafür aus, dass von den 
gesetzlichen Vorschriften eine Ausnahme zulässig sei, und beruft sich 
auf das Beispiel des hl. Paulus, welcher auf Grund einer Dispen- 
sation die Beschneidung seines Schülers gestattete 4 ). 

Der erste Schriftsteller, dem wir geradezu eine Theorie über 
das Dispenswesen verdanken, ist CyrÜl von Alexandrien. »At oixovo- 
jjuou x&v 7ipay t uaxü)v soft 5 oxs uapaßiaCovxat, ßp«xu T0 ^ ösovtoc s£a> 
cpepsoö-ai xtvac; ' tva xt jxelCov xep8avu>oiv. r ßa7csp yap ot tt)v öa- 
Aaaaav vauxiXXojASvoi xsijuuJövoc; §7tixsijjiivou xal xivöoveuGuaTjc; xtjc vetoc 
aAuovTsg a7to<popx''Covxai xtva uizep xoü a&aai xa Xonzd ' ouxcoc xal 
^juislg Iv xoTq upayjjiaaiv, oxav jjitj §£$ xo Aiav axpißsc aTioatoCstv, 
rcapopü^usv xiva, tva jr/] xou ttocvxöc Ttafkojxsv C^^tav 5 ). Hiernach 
besteht die Dispensation darin, dass man zur Vermeidung eines 
grösseren Nachteils die Forderungen des strengen Rechts mildert 
und ein Abweichen von den Gesetzen der Kirche zulässt. Wie die 
Schiffer zur Rettung ihres Fahrzeuges aus Sturmesgefahr einen Teil 

1) Ep. 67. 1. c. p. 426 sq. — 2) Socrates, Hisfc. eccl. I. 9; Theodor et, 
Eist. eccl. I. 9; vgl. Hefele, a. a. 0. 1. 353. — 3) Hora. 9. in ep. ad Timoth- 
iu 1 sq. Migne, 62, 649. — 4) Com. iu ep. ad Galat. 2, 5, Migne, 26, 359. — 
5) Ep. 56, Migne, 77, 319 = c. 16. C. 1. qu. 7. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 21 

ihrer Ladung über Bord werfen, ebenso müsse man da, wo die Durch- 
führung des strengen Rechts Nachtheile bringen würde, sich dazu herab- 
lassen, Manches zu übersehen, zu dulden. Das Recht sei überhaupt 
nicht um seiner selbst willen da, es müsse je nach den Umständen 
verändert und gemildert werden. Als es sich um die Rückkehr der 
Messalianer und Eutychianer handelte, schrieb derselbe Kirchenvater 
an den Diakon Maximus von Antiochien: Denjenigen gegenüber, die 
in den Schoss der Kirche zurückkehren wollen, dürfe man das 
strenge Recht nicht anwenden. Der kirchliche Obere müsse über- 
haupt oft von einer strikten Anwendung der Gesetze Abstand 
nehmen, sobald er einsehe, dass eine derartige Nachsicht zum Nutzen 
der Kirche gereiche. Selbst wider Willen sehe er sich manchmal 
gezwungen, Dispensation eintreten zu lassen 1 ). Was nützt es denn, 
an dem strengen Recht festzuhalten, wenn dadurch der Frieden der 
Kirche gestört und Viele von ihr ausgestossen werden? schreibt 
Cyrill an Attikus von Konstantinopel 2 ). Den Messalianern, welche 
ihrem Irrtum entsagen, gewährt der Kirchenvater Dispens unter 
Hinweis darauf, dass er sich wohl bewusst sei, gegen die rechtlichen 
Vorschriften zu handeln, allein er wisse aber auch , »oxi y.oXt\ iv 

TOUTOIC OlXOVO/Aia ' XO jap (XXpißs^ Ü>Q STCtTtGCV ftopüßei TZoWohc, XÄl 

xtov vouvs^so-raTiov,« denn eine rücksichtslose Durchführung des 
strengen Rechts schrecke selbst viele der Verständigsten ab 3 ) : 
summum ius summa iniuria. Die Nützlichkeit, meint genannter Attikus 
in einem Brief an Cyrill, geht über die Forderung des strengen Rechts. 
Die Bestimmungen der Väter erleiden nicht im geringsten eine Ein- 
busse , wenn zur Erhaltung des Friedens die Beobachtung des 
Gesetzes. nach seinen Buchstaben geopfert wird 4 ). Die Kirchenväter, 
sagt Cyrill, hätten selbst eine Dispensation gewährt und damit das 
Prinzip der Dispensation anerkannt, als sie davon Abstand nahmen, 
den Theodor von Mopsueste namentlich zu exkommunizieren aus 
Furcht davor, dass sein grosser Anhang infolge einer so strengen 
Massregel zum Abfall von der Kirche verleitet würde 5 ). 

Nach der Ansicht Cyrills ist die Wirkung der Dispensation eine 
so heilsame, dass schon die Apostel nicht umhin konnten, sich derselben 
zu bedienen. So habe bereits der hl. Paulus Dispensen erteilt 6 ). Sehr 
deutlich spricht sich über diesen Punkt Attikus aus, wenn er an Cyrill 
schreibt: »Olöoc jjlsv ouv xat xov jiaxapiov IlauAov iv x(o ftsajAoOstsTv 
xal«; ixxATjatatg aacp&q rag UTCGfreaxtc; oixovojiijaavxa. Olöa de xal xöv iv 



1) Ep. 4, Mai, 1. c. 2. 107 sq. — 2) Migne, 77, 354. — 3) Ep. 82, 
Migne, 1. c. p. 376. — 4) Ep. 75, 1. c. p 350. — 5) Ep. 72, 1. c. p. 345. — 
6) L. c. p. 354. 



22 Dispensation und Dispensationswesen. 

dyioic Tiaxepa tov aöv, tov toaTtöotoXov Qb6^iao\>,Itz\ trjg 'EXX^vixtjq 
auyx^ 020 ^ *^v Eip^vrjV ttjc rcapa ßp«X^ Äxpißetag rcpoxsT tjjnrjxöxa« x ). 
Diese ausdrückliche Berufung auf die Praxis der Apostel und deren 
Nachfolger ist ein deutlicher Beweis dafür, dass in der Kirche von 
jeher die Dispensation üblich war. Keinem Verständigen habe die 
Dispensation bis jetzt missfallen, sagt Cyrill, »6 r/jc otxovojuac xpoitog 
ouöevl Ttov ouvetäv awqpeotv, dispensationis modus nulli sapientium 
displicuit,« 2 ) und in einem andern Brief heisst es: »ai ouyxaxaßdasi- 
oux axepösTq,« 3 ). Im Brief au Proklus wird die Dispensation hin- 
gestellt als »dptoTÖv ti x?W a xat socpöv« 4 ). 

Wir haben also hier eine ziemlich vollständige Theorie der 
Dispensation vor uns : die Dispensation ist eine Abweichung von den 
strengen Forderungen des Rechts aus Gründen der Notwendigkeit 
oder Nützlichkeit. Dies sagt Cyriil klar und deutlich mit den Worten : 
»""Epyov ös ovTtoQ otxovojjuaq sott, to öoxeTv soft' oxe ßpa)(6 ti toü 
Tzpiizovxoc; i£ioTaafrai Xöyou jxsra tou ttjv Iv xolg ^pr^at^oic rca- 
pouTclaiku Cvjpitav« 5 ). 

Gilt nun diese Darstellung der Dispensation, wie sie Cyrill 
uns gibt, blos für die Wiederaufnahme von Häretikern und von der 
Erteilung der kirchlichen Gemeinschaft an solche, die von der Kirche 
aus irgend eisern andern Grunde ausgeschlossen worden waren, oder 
aber , sind wir zu der Annahme berechtigt, dass Cyrill den Bereich 
der Dispensation auch auf Ausnahmen von sonstigen rechtlichen 
Vorschriften ausdehnt? Meines Erachtens muss die letztere Frage bejaht 
werden, obschon die herrschende Ansicht das Gegenteil behauptet. 
Die Erörterungen Cyrills sind zw r ar stets an die Behandlung kon- 
kreter Fälle geknüpft, in denen es sich ausschliesslich um Wieder- 
aufnahme in die Kirche handelt. Allein dies beweist nichts dagegen, 
dass Cyrill Dispensationen auch auf andern Gebieten des kirch- 
lichen Kechts gekannt und zugelassen habe. Wie er ja selbst sagt, 
rinden sich schon zu Zeiten der Apostel und ebenso nachher Beispiele 
von Ausnahmen anderer Art als der besagten, und zwar waren dies 
vielfach solche, die schon vor der Setzung der verbotenen Hand- 
lung, also im voraus, nicht erst nachträglich gemacht worden 
waren. Die Ausführungen Cyrills über die Dispensation sind ganz 
allgemeiner Art, und es ist verkehrt, dieselbe in ihrer Geltung auf 
denjenigen Fall zu beschränken, der für den Kirchenvater nichts 

1) Ep. 75, 1. c. p. 350. - 2) Ep. 56, 1. c. p. 319 = c. 16. C. 1. qu. 7. - 
3) Ep. 2, Mai 1. c. p. 106. — 4) Ep. 72, Migne 77, 345. — 5) Migne, 1. c. 
p. 354; vgl. den Brief Cyrills an Dornnus mit den Scholien Balsamons bei 
Bever')(](j<\ Suvoöixov sive Pandectae canonum apostolorum et conciliorum ab 
ecclesia graeca receptorum . Oxon. 1672, IL part. I. p. 175 sqq. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 23 

mehr als die Veranlassung war, sich über das Dispenswesen über- 
haupt auszusprechen. Wenn er z. B. sagt, dass noch kein Verständiger 
gegen die Dispensation etwas einzuwenden gehabt hätte, so ist damit 
der Grundsatz ausgesprochen, dass ein Verständiger ebenfalls nichts 
dagegen haben kann, wenn überall da, wo Not und Nützlichkeit es 
verlangen, von der Dispensation Anwendung gemacht werde. Es 
liegt gar kein Grund vor, die Dispensation Cyrills auf solche Fälle 
zu beschränken, in denen erst nach der That, also nachträglich die 
Abweichung von der allgemeinen Kegel gutgeheissen wird. 

Die lateinische Uebersetzung des Cyrillischen Briefes in c. 15. 
C. 1. qu. 7. schliesst mit den Worten: »Dispensationis enim gratia 
eget negotium multum«, während der Urtext lautet: »oix&v gjj. iac, 
Tfap SeTxat to Tcpay t aa tcoXXyjc« x ), was, richtig übersetzt, heisst : 
»res enim magnae eget moderationis • oder dispensationis 2 ).« Diese 
Stelle ist für uns von grosser Wichtigkeit, insofern als die gebräuchliche 
Uebersetzung einen direkten Beweis dafür erbringt, dass nach der 
Auffassung Cyrills die Dispensation auf viele Verhältnisse »multum 
negotium« Anwendung finde, während der griechische Text nur be- 
sagt, dass die in dem behandelten konkreten Fall einzutretende 
Nachsicht eine grosse sein müsse. 

Unter den Lateinern ist der hl. Augustinus der erste, welcher 
eine Theorie über die Dispensation aufstellt. Voraussetzung für die 
Dispensation ist ihm die Veränderlichkeit der Vorschrift, von welcher 
entbunden werden soll. Was nicht gegen den Glauben und die gute 
Sitte ist, sagt er, das kann verschieden gehandhabt werden 3 ). Es 
gibt veränderliche und unveränderliche Gesetze. Was nicht unbedingt 
zum Heil notwendig ist, gestattet aus Gründen der Notwendigkeit 
Ausnahmen. Was aber mit dem Seelenheil, mit den Glaubenssätzen 
innig zusammenhängt, das ist und bleibt immer geboten oder ver- 
boten; jede davon abweichende Handlung ist untersagt und kann 
durch keine noch so grosse Notwendigkeit gerechtfertigt werden. 
Wir sehen hier zum ersten Mal die Schranken festgesetzt, inner- 
halb welcher sich das Dispensationswesen zu bewegen hat. Zu den 
veränderlichen Gesetzen rechnet Augustinus z. B. das Fastengebot, 
von dessen Beobachtung die Not befreit 4 ). 

Der Kirche schreibt Augustinus das Recht zu, Ausnahmen 
von ihren gesetzlichen Vorschriften zu gestatten, denn dieselben seien 



1) Ep. 57, Migne, 77, 322. — 2) Nach Friedberg haben sämmtliche Hand- 
schriften multum ; eine hat inultum, was ohne Zweifel auf einen Schreibfehler 
zurückzuführen ist. — 3) Ep. 54. c. 2. Migne, 33, 200. — 4) Quaestiones ex nov. 
test., qu. (30, Migne, 35, 2257. 



24 Dispensation und Dispensationswesen. 

nicht aufzufassen »desperatione indulgentiae«, sondern »rigore dis- 
ciplinae« '). So gerecht ein menschliches Gesetz auch sein möge, es 
können doch Umstände eintreffen, welche eine Abweichung von dem- 
selben als ebenso gerecht erscheinen lassen und die Gewährung einer 
Ausnahme, indulgentia, rechtfertigen 2 ). Vermöge der von Christus 
erhaltenen Schlüsselgewalt sei die Kirche daher befugt, anstatt das 
strenge Kecht anzuwenden, Gnade und Milde walten zu lassen. Zu 
einer so scharfen Präzisierung dieses Gedankens wurde Augustinus 
geführt durch seine Auffassung von der wahren Kirche im Gegensatz 
zur donatistischen Lehre 3 ). Während diese nämlich mit aller Strenge 
die Ausscheidung unreiner, sündhafter Elemente aus der kirchlichen 
Gemeinschaft verlangte, beharrte der Kirchenvater mit Entschieden- 
heit darauf, dass die wahre Kirche nicht die Heiligkeit ihrer Glieder, 
sondern die Gerechtigkeit Christi zum Grund habe. Für die verschie- 
denen Glieder seien aber Normen zur Kegelung des kirchlichen Lebens 
unbedingt notwendig; diese dürfe indess nicht rigoristisch in donati- 
stischem Sinne gehandhabt werden. Zwischen Separatismus und Indif- 
ferentismus müsse man den goldenen Mittelweg einhalten, weder all- 
zuviel dulden, noch allzu strenge sein. Bei Anwendung der Kirchen - 
zucht sei einerseits stets der Zweck der Strafe d. i. die Besserung des 
Sünders, anderseits aber auch der Nutzen der Kirche im Auge zu 
behalten. Mit Bücksicht auf diesen Zweck müsse der Eine so, der Andere 
wieder anders behandelt werden. Bei dem Einen sei Strenge, bei dem 
Andern Milde und Nachsicht angebracht. Darum habe die Kirche 
von Christus die Binde- und Lösegewalt erhalten, kraft welcher sie den 
zurückkehrenden Häretikern, falls sie es für gut findet, Gnade 
erweist, sie in ihrem Weihegrad belässt oder sogar in einen höheren 
aufsteigen lässt. Und warum sollte sie denn keine Nachsicht 
gewähren ? fragt der Kirchenvater. Blieben doch David nach seiner 
Busse, und Petrus, nachdem er die Verleugnung seines Meisters 
bitter bereut, in ihren Würden! 

Erweist sich die Anwendung eines Gesetzes auf den konkreten 
Fall mehr als Härte denn als Billigkeit, so betrachtet es Augustinus 
als die Pflicht des kirchlichen Obern, die vorliegenden Umstände ge- 
nau zu erwägen, und, wo es für die Kirche nützlich erscheint, von 
der strikten Anwendung der Vorschrift abzusehen. Namentlich habe 
eine Dispensation da Platz zu greifen, wo nicht die Rettung eines 
einzelnen Menschen, sondern die eines ganzen Volkes in Frage 

1) Ep. 185. c. 10, Migne. 38, 812 = c. 25, D. 50. Die Glosse zu despe- 
ratione sagt: »id est quod ecclesia dispensare uon possit.« — 2) De libero ar- 
bitrio. 1. 1. c. 16, Migne, f 32, 1229. — 3) Contra Parmenionem, 1. 2. c. 18, n. 
37; 1. 3. c. 2. n. 15; 1. 2. c. 21. n. 41. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 25 

komme. »In liniiismodi cansis, ubi per graves dissensionum scis- 
suras non huius aut illius hominis est periculum, secl populorum 
strages iacent, detrahendum est aliquid severitati, ut maioribus 
malis sananclis Caritas sincera subveniat 1 ).« Die Dispensation be- 
zeichnet er treffend als eine Wunde des Gesetzes. Um einen Zweig 
in einen Baum einzupflanzen, müsse man in letzteren einen Schnitt 
thun und dann in diesen den Zweig einsetzen , da er nur auf diese 
Weise aus dem Saft des Baumes Leben ziehen könne. Ebenso ver- 
wunde man durch die Gestattung einer Ausnahme das Gesetz 2 ). 

Das Prinzip der Dispensation findet sich also bei dem 
hl. Augustinus unzweideutig ausgesprochen. Sie ist die Milderung 
des strengen Rechts. Wie bei Cyrill , so sehen wir auch hier die 
Grundsätze über die Dispensation entwickelt in Anlehnung an Fälle, 
wo es sicli um die Wiederaufnahme von Häretikern handelt. 
Augustin lässt die Dispensation aber auch auf andern Gebieten 
des kirchlichen Rechts zu. Zunächst wurde er ja selbst einer Dispen- 
sation teilhaftig, indem er noch zu Lebzeiten des greisen Valerian 
zum Mitbischof von Hippo geweiht wurde. Er erhob zwar Einsprache 
gegen diese Wahl, w^eil er dafür hielt, dass es den Kirchengesetzen 
zuwider sei, wenn eine Gemeinde zugleich zwei Bischöfe habe. Als 
man ihm aber nachwies, dass solches schon öfters vorgekommen sei, 
fügte er sich, weil er in dem einstimmigen Wunsch Valerians und des 
gesammten Volkes den Willen Gottes erblickte 3 ). Als Bischof von Hippo 
weihte er alsdann in Fussale den Lektor Antonius zum Bischof, 
ohne die gesetzlich vorgeschriebenen Interstizien zu beobachten 4 ). 
Ergiebt sich schon aus diesen Beispielen, dass Augustinus der Dis- 
pensation eine Geltung auch auf dem übrigen Rechtsgebiet zuer- 
kennt, so sehen wir dies unzweideutig ausgesprochen, wenn er sagt: 
«Jamne intelligunt, quemadmodum nulla inconstantia praecipientis 
sed ratione dispensantis pro temporum diversitate praecepta vel con- 
silia vel permissa mutentur 5 ).« Der Dispensation unterliegen also 
die Vorschriften ohne Unterschied ihres Inhaltes, soweit sie natür- 
lich überhaupt eine Veränderung erfahren können 6 ). 

§. 4. Besultat. 

Fassen wir das Bisherige zusammen, so ergiebt sich als 
Resultat, dass die Dispensation gleich von Anfang an in der Kirche 

1) C. 25. D. 50. »Detrahendum est aliquid severitati« erinnert an die 
Worte Cyrills : »a debito foras exire« in c. 15. C. 1. qu. 7; vgl. S. 18. 

2) c. 24. C. 23. qu. 4 ; vgl. de baptismo, 1. 2. c. 3, Migne, 43, 128. 

3) C. 12. C. 7. qu. 1. - 4) Ep, 209, Migne, 33, 954; vgl. Coustaut, 1. c. 
I. 1053, n. 3. Anm. c. — 5) Migne, 42, 450. — 6J vgl. S. 23. 



26 Dispensation und Dispensationswesen. 

üblich war, und dass bereits ans dem IV. und V. Jahrhundert ziem- 
lich eingehende Theorieen über das Dispensationswesen vorliegen. Die 
Dispens war also keineswegs etwas so Seltenes, wie man bis jetzt 
anzunehmen gewohnt war. 

Der Begriff der Dispensation, der allen jenen Erörterungen zu 
Grunde liegt, ist ganz abweichend von demjenigen, den wir heute 
mit dem Worte verbinden. Als Dispensation im Sinne der vorher- 
gehenden Ausführungen haben wir zu betrachten jede Ausnahme 
von dem Gesetz, wobei es gar keinen Unterschied macht, ob die- 
selbe blos vorübergehenden oder dauernden Charakter hat, ob sie 
für einen einzelnen Akt gilt oder für öftere Wiederholung solcher, 
ob sie einer einzelnen Person oder zugleich einem ganzen Volke er- 
teilt wird. Hebt der Gesetzgeber einen Rechtssatz auf, weil er für 
die im Laufe der Zeit sich ändernden Umstände nicht mehr passt, 
gestattet er einem Einzelnen oder auch einer ganzen Menge von Per- 
sonen vom Gesetz abweichende Handlungen vorzunehmen, erteilt er 
Privilegien, so sind dies nach der damaligen Auffassung lauter Dis- 
pensationen. 

Soweit über den Begriff. Zulässig ist eine Dispensation, wie 
wir bei dem hl. Augustinus 1 ) gesehen haben, nur betreffs solcher 
Gesetze, welche veränderlich sind, d. h. bei solchen, deren Verän- 
derung eine Alterierung der für das Heil der Seelen geltenden 
Sätze nicht nach sich ziehen würde. Dispensationen sollen aber nicht 
willkürlich erteilt werden; sie sind nur dann gerechtfertigt, wenn 
Gründe der Notwendigkeit oder Nützlichkeit vorliegen. 

Die Frage, ob die Anwendung der Dispensation auf gewisse 
Rechtsgebiete ausgeschlossen war, beantwortet Thomassin 2 ) so, dass 
er sagt, dass die Bischöfe in den ersten Jahrhunderten von allen 
Kanones entbunden hätten. Thatsache ist, dass Dispensationen vor- 
gekommen sind, und zwar viel öfters, als man bislang anzunehmen 
gewohnt war. Dass aber gerade von allen damals geltenden Be- 
stimmungen entbunden worden sei, dafür lassen sich Beweise nicht 
erbringen, und a priori solche Behauptungen aufzustellen, dürfte 
doch als gewagt erscheinen. Die Gebiete, auf denen sich das Dis- 
pensationswesen dieser Zeit bewegte, sind vor allem die Ordination, 
die Abkürzung der Strafzeit u. s. w. Jedenfalls aber kannte man 
ausser der Wiederaufnahme der Häretiker noch mehrere Dispen- 
sationen. Ebenso ist es unrichtig, dass die Dispensation vor der 
beabsichtigten Handlung den Vätern dieser Zeit völlig unbekannt 
war. Diese Frage wird uns des nähern im VI. Kapitel beschäftigen. 

1) vgl. S. 23. - 2) L. c. p. 2. 1. 3. c. 24. n. 14. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum ijv. uahrh. 27 

III. Kapitel. 

§. 5. Das Prinzip der Dispensation, ausgesprochen durch die Päpste. 

Als ein charakteristisches Zeichen muss es betrachtet werden, 
dass gleich unter den ersten Papstbriefen, deren Echtheit verbürgt 
ist, sich solche befinden, welche das Prinzip der Dispensation klar 
und deutlich aussprechen. Wir sehen, dass in denselben die strenge 
Beobachtung der Gesetze eingeschärft, dass aber auch zu gleicher 
Zeit Ausnahmen von denselben zugelassen werden. 

In der Dekretale des Papstes Sirizius an den Bischof Himerius 
von Tarrago aus dem Jahre 385 heisst es: »Et quia aliquanti, de quibus 
loquimur, ignoratione lapsos esse deflent, his hac conditione miseri- 
cordiam dicimus non esse negandam, ut sine ullo honoris augmento 
in hoc, quo defecti sunt, quamdiu vixerint, officio perseverent« *). 
Es handelt sich hier um gefallene Kleriker, denen Dispensation 
erteilt wird, jedoch mit der Beschränkung, dass sie in einen höheren 
ordo nicht aufsteigen dürfen. Dieselbe Nachsicht gewährt dieser 
Papst jenen, welche als Poenitenten oder Bigame die Weihen erhalten 
hatten : »Nos interim solo pietatis intuitu necesse est, clementer 
ignoscere, quicunque poenitens, quicunque bigamus, quicunque viduae 
maritus ad sacram militiam indebite incompetenterque irrepserit, hac 
sibi conditione a nobis veniam relaxatam intelligat, ut magno debeat 
computare beneficio, si adempto sibi omni spe promotionis, in quo 
invenitur ordine, in hoc perpetua stabilitate permaneat« 1 ). In einem 
andern Brief schreibt derselbe Papst, dass die durch die verschie- 
denen Häresieen hervorgerufene Notlage der Kirche viele Ueber- 
tretungen der apostolischen Vorschriften zur Folge habe, namentlich 
auf dem Gebiete der für die Ordination aufgestellten Grundsätze. 
Nachdem aber der Friede eingetreten sei, da höre die Erlaubtheit 
solcher Handlungen auf, und es seien wieder die alten Normen zu 
beobachten 2 ). 

1) Ep. 1. ad Himerium, Couttant, 1. c. I. 631 n. 11; Joffe, Reg. Pont. 
Rom. T. Lips. 1885. n. 255. 

2) Ep. 6. n. 5, 1. c. p. 662. Aehnlichen Inhalt zeigt eine Stelle aus Diu 
Cassius, Histor. rora. qnae supersunt, 1. 54, ed. Sturzius, Lips. 1824, III. 281: 
»In censura quum adduccretur ad ipsum (sc. Caesarem Augustum) adolescens, 
qui mulierem, cum qua adulterii consuetudinem habuisset, uxorem duxerat, es- 
setque multis accusatus, diu anceps haesit, quum neque connivere (nap-.oslv) ad 
eam rem neque poenam irrogare (ir.izuxrirsai) auderet; tandem colligens sese, 
»Bella, inquit, civilia multa nobis mala attulerunt: ea oblivioni demus idque 
curernus, ne quid simile in posterum fiat: »tcoaXo: xai Ssiva ac ataaetc Tjvsyxav • 
coaxs exsivtov [j.sv ä[j.VT)|j.ovo)[j.£v, tou Se otj Xot7iou 7cpovow[j.sv, omoq [j.rjSsv tqiouxov y{- 
Yvy)xai.« 



28 Dispensation und Dispensationswesen. 

Im Schreiben an die Bischöfe Mazedoniens sagt Innozenz I. 
(414), dass das, was als Heilmittel mit Rücksicht auf die Not- 
lage der Zeit verordnet worden sei, von Anfang an gar nicht 
bestanden hätte, denn die Apostel und die apostolischen Männer 
hätten der Kirche nicht Ausnahmen, sondern Kegeln, allgemeine 
Gesetze gegeben. Von diesen entbinde aber die Not, und so lange 
diese dauere, sei eine Abweichung von denselben begründet 1 ). Im 
Kanon 8 habe das Nizänum den Novatianern Dispens gewährt, 
indem es dieselben im Klerus beliess 2 ). Diese Nachsicht sei aber nun 
nicht so ohne weiteres überhaupt bei der Rückkehr von Häretikern 
anzuwenden. Es bedürfe jedesmal einer besonderen Prüfung, ob wirklich 
die Verhältnisse auch so liegen, dass eine Dispensation gerechtfertigt 
erscheinen könne. Und so lobt der Papst die Dispensation, welche 
Bischof Anysius den seitens des Häretikers Bonosus Geweihten zu 
teil werden liess, indem er denselben gestattete, ihren ordo aus- 
zuüben 3 ). Vorbilder für die Dispensation findet der Papst mehrere 
in der Bibel. Wie Petrus trotz der Verleugnung seines Herrn, wie 
Thomas trotz seiner Zweifel der Würde eines Apostels nicht beraubt 
wurden, wie ferner David ungeachtet seiner vielen Sünden die Gabe 
der Prophezeiung behielt, ebenso dürfe man auch von den kirch- 
lichen Satzungen Ausnahmen machen, wie man es z. B. einem 
Symphosius und einem Diktinius gegenüber gethan, nachdem die- 
selben der Häresie abgeschworen hatten (c. 404) 4 ). 

In dritter Linie kommt hier in Betracht eine Dekretale Leos I. 
aus dem Jahre 446, welcher man die Bezeichnung eines Dispensdekrets 
wohl kaum versagen kann. Dieser Papst betrachtet es als ein Erbteil 
seiner Vorgänger, neben der Pflicht, auf strenge Durchführung der Ka- 
li ones zu sehen, doch nach Lage der Verhältnisse Milde und Nachsicht 
obwalten zu lassen. Solche gewährt er jenen, die aus dem Laien- 
stande direkt auf den Bischofsstuhl erhoben worden waren. Diejenigen, 
sagt er, deren Beförderung nur an dem Mangel leidet, dass sie aus 
dem Kreise der Laien unmittelbar zur bischöflichen Weihe zugelassen 
wurden, können Gnade erlangen, so dass sie auf Grund der Dispen- 
sation in Würden und Rang verbleiben dürfen. Er verwahrt sich 
aber ausdrücklich dagegen, dass diese Ausnahme ein Präjudiz gegen 



1) Jaife, 1. c. I. 303; Coustant, 1. c. I. 835: »Quod necessitas pro remedio 
invenit, cessante necessitate debet utique cessare pariter, quod urgebat, quia 
alius est ordo legitimus, alia usurpatio, quam tempus fieri ad praesens im- 
pellit« = c. 7. C. 1. qu. 7. — 2) Vgl. Hefele, a. a. 0. I. 411. — 3) Coustant, 
1. c. I. 835. - 4) Ep. ad Toled. synod. Coustant, 1. c. I. 766. n. 3; Jaffe, 
1. c. I. n. 292. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 29 

das kirchliche Recht bilde. Die Dispensation habe nur für den vor- 
liegenden Fall Geltung: »Quae enim certarum remisimus considera- 
tione causarum, antiquis custodienda sunt regulis, ne quod ad tempus 
pia lenitate concessimus, iusta postulatione plectamus in eos specialius 
et propensius commovendi, qui in episcopis ordinandis sanctorura 
patrum statuta neglexerunt« 1 ). Hiernach ist die Dispensation eine 
»remissio regularum consideratione certarum causarum.«. Die Frage, 
inwieweit Dispensationen zulässig sind, beantwortet Leo in prägnanter 
Weise: Wie es gewisse Bestimmungen giebt, welche durch keinen 
Grund umgestossen werden können , ebenso gibt es auch solche , 
welche bald mit Rücksicht auf die Notlage der Verhältnisse, bald 
mit Rücksicht auf die Zeitumstände gemildert werden müssen. Dabei 
ist aber stets im Auge zu behalten, dass betreffs derjenigen Ver- 
ordnungen, von denen es zweifelhaft ist, ob sie eine Dispensation 
zulassen, nichts gestattet wird, was den evangelischen Vorschriften 
oder den Dekreten der Väter zuwider ist. »Sicut quaedam sunt, quae 
nulla possunt ratione convelli, ita multa sunt, quae aut pro necessitate 
temporum, aut pro consideratione aetatum opporteat temperari, illa 
consideratione semper servata, ut in iis, quae vel dubia fuerint aut 
obscura, id noverimus sequendum, quod nee praeeeptis evangelicis 
contrarium nee decretis sanetorum Patrum inveniatur adversum« 2 ). 
»Opporteat temperari« sagt er, der Obere hat also die Pflicht, da, 
wo die Notwendigkeit es erheischt, Ausnahmen von der allgemeinen 
Regel zuzulassen. Es sei ja unmöglich, alle Fälle mit dem gleichen 
Massstab zu messen, das Gewicht eines jeden einzelnen sei genau ab- 
zuwägen und darnach zu urteilen, ob Nachsicht gewährt oder die 
Strenge des Gesetzes aufrechterhalten werden solle. 

Bei Mlarius, dem Nachfolger Leo's, finden wir gleichfalls 
die Ansicht vertreten, dass die Not manchmal dazu zwinge, wider- 
rechtlich zustande gekommenen Verhältnissen die Anerkennung nicht 
zu versagen und dieselben aus Gnade weiter bestehen zu lassen. 
»Temporum necessitate perspeeta hac ratione decernimus ad veniam 
pertinere, quod gestum est, ut nihil deineeps contra praeeepta beati Apo- 
stoli, nihil contra Nicaenorum canonum constitutum tentetur« (a. 465) 3 ). 

Einen tiefern Einblick in die Auffassung über das Dispens- 
wesen während dieser Zeit gewähren uns die Dekretalen des Papstes 
Gelasius. Im Jahre 429 bat der Bischof Euphemius den Papst, 



1) Decret. 49, Voelli et Justelli, Bibliotheca iuris canonici veteris, Paris« 
1610, I. 238, Jaffi, 1. c. n. 410 = c. 18. C. 1. qu. 7, jedoch nicht ganz über- 
einstimmend. — 2) L. c.p.229; Jaffe, 1. c. n. 544 = c. 2. D. 14. — 3) Thiel, 
Epistolae Bomanorum Pontificum, Braunsb. 1868, p. 166; Jaffe, 1. c. n. 560 
= c. 13. C. 1. qu. 7. 



30 Dispensation und Dispensationswesen. 

dem Acacius und dessen Anhang, welche aus der kirchlichen Ge- 
meinschaft ausgeschlossen worden waren , eine »condescensio« zu 
gewähren. Daraufhin antwortet der Papst: »Quoniam isto verbo 
(sc. condescensio) frequenter utimini , quid sibi velit , explorem. 
Optima enim illa est ecclesiae catholicae atque apostolicae dispositio, 
quae docet, ad meliora, proficiendo condescendere, non ad inferiora 
descendendo deiicere« 1 ). Weigert er sich auch, in dem vorliegenden 
Fall die verlangte Dispensation zu gewähren , so spricht er doch 
dem Institut derselben seine Anerkennung aus, was für uns von 
einem ebenso hohen Wert ist, als wenn er der Bitte des Euphemius 
nachgekommen wäre. Die Dispensation ist ihm eine äusserst nützliche 
Einrichtung der Kirche. Einen weiteren Beitrag zur Geschichte des 
Dispensationswesens liefert die Dekretale dieses Papstes an die Bischöfe 
von Lukanien, Bruttium und Sizilien. Infolge von Hungersnot, Pest 
und Krieg war in diesen Provinzen ein starker Priestermangel ein- 
getreten. Um nun diesem Uebelstand abzuhelfen, gestattet der Papst 
(a. 494) den genannten Bischöfen Weihen vorzunehmen, ohne an die 
gesetzlichen Zwischenräume gebunden zu sein. Er schreibt: »Neces- 
saria rerum dispositione constringimur et Apostolicae Sedis moderamine 
convenimur , sie canonum paternorum decreta librare et retro prae- 
sulum decessorumque nostrorum metiri, ut quae praesentium neces- 
sitas relaxanda deposcit, adhibita consideratione diligenti, quantum 
potest fieri, temperemus« 2 ). Der ihm geschilderten Notlage glaubt 
er nur abhelfen zu können »remittendo antiquitus intervalla praefixa.« 
Daher gibt er den Bischöfen die Dispensationsbefugnis, von den In- 
terstizien zu entbinden, »concedimus spatia dispensanda« 3 ). Aus den 



1) Thiel, 1. c. p. 314. Das Wortspiel mit condescendere und descendere 
fährt er des weitern aas: »Quum autem dicis, condescendere nos debere vobis- 
cum, interim iam vos descendere aut descendisse monstratis. Unde quaeso vel 
quo ista descensio est ? Utique ex superiore quodam loco ad inferiora quaeque 
deponens. A catholica apostolicaque communione ad haereticam damnatamque 
prolapsos vos videtis, cognoscitis, non negatis, et non solum vos in infimis ia- 
cere delectat, sed etiarn in superiore manentes sede vultis impelli. Condescendere 
nos vobiscum invitatis ad ima de summis , nos coascendere vos nobiscum roga- 
mus ad summa de imis.« L. c. 

2) L. c. p. 362; Jaffe, 1. c. n. 63') = c. 6. C. 1. qu. 7. Dispositione 
haben 16, disputatione 5 Handschriften, der Rest hat dispensatione, Thiel, 1. 
c. p. 362. Meines Erachtens verdient dispositione den Vorzug und gibt den 
besten Sinn. Entscheidet man sich aber für dispensatione, so bezeichnet es 
keineswegs die Dispensation als Ausnahme von der Rechtsregel, wie gewöhnlich 
angenommen wird, sondern es ist dann gleichbedeutend mit, Verwaltung, admini- 
stratio. Friedberg in c, 6. C. 1. qu. 7. hat dispositione. 

3) Thiel, T. c. p. 362. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 31 

Worten dieses Papstes können wir nun folgende Definition der Dispens 
eruiren: dispensatio est relaxatio, temperatio, remissio canonum pa- 
temorum et praeceptorum praesulum decessoritmque nostrorum adhi- 
bita consideratione diligentia quantum fieri potest. Diese Begriffsbe- 
stimmung findet sich nirgendwo so klar, deutlich und vollständig wie 
bei Gelasius. Als Dispensation gilt ihm jede Milderung des strengen 
Rechts. Sie erstreckt sich auf die Kanones ebenso gut wie auf die 
Verordnungen der Päpste; beide Arten von kirchlichen Gesetzen 
lassen eine Dispensation zu 1 ). Die Worte : adhibita consideratione 
diligenti, erinnern unwillkürlich an die entsprechenden Worte »causa 
cognita« in der durch die Glossenliteratur eingeführten Definition 
der Dispens. Nur wo eine Notwendigkeit die Abweichung von der 
allgemeinen Regel rechtfertigt, darf eine Ausnahme gemacht wer- 
den. Mit den Worten: quantum fieri potest, will Gelasius besagen, 
dass das Dispensationswesen sich innerhalb gewisser Schranken zu 
bewegen hat. Es gibt nämlich nach der Ansicht dieses Papstes 
dispensable und indispensable Gesetze. Erstere sind solche, von 
denen, ohne dass ein Schaden für die Kirche im Gefolge ist, ent- 
bunden werden kann, wo z. B. die Rücksicht auf die Verhältnisse 
und die Zeitlage oder die Notwendigkeit einer beschleunigten, ohne 
Innehaltung der gesetzlichen Zwischenfristen für die zu erteilenden 
Weihen die Dispensation rechtfertigt. Zu den indispensablen Gesetzen 
gehören jene, von denen aus keinem Grunde Abweichungen zugelassen 
werden können : »Etsi illa nonnumquam silenda sunt, quae si ceterorum 
constat integritas, sola nocere non valeant, illa tarnen sunt magno- 
pere praecavenda, quae recipi sine manifesta decoloratione non 
possunt. Ac si ea ipsa, quae nullo detrimento aliquoties indulgenda 
creduntur vel rerum temporumque cogit intuitus vel acceleratae pro- 
visionis respectus excusat, quanto magis illa nullatenus sunt muti- 
landa, quae nee ulla necessitas nee ecclesiastica prorsus extorquet 
utilitas 2 )?« Liegen nun die Verhältnisse derart, dass eine Abhülfe 
nur auf dem Wege einer Ausnahme von der Regel geschafft werden 
kann, so hat dies so zu geschehen, dass die weitere Geltung der nur 
für den betreffenden Fall zu beugenden Gesetze keine Einbusse er- 
leidet: »Priscis igitur pro sui reverentia manentibus constitutis, 
quae ubi nulla vel rerum vel temporum perurgeat angustia. regula- 
riter convenit custodiri .... spatia dispensanda concedimus« 3 ). 

1) Hiermit werden wir uns in der Darstellung der geschichtlichen Ent- 
wickelung des Dispensationsrechts des nähern zu beschäftigen haben. 

2) Thiel, 1. c. p. 368; die zitierte Stelle erinnert an die Worte Leo's I. 
in c. 2. D. 14, vgl. S. 29. - 3) L. c. p. 362. 



32 Dispensation und Dispensalionsivesen. 

In c. 7. D. 34 ist uns ein Dispensdekret des Papstes Pelagius 
aus der Zeit von 558—560 erhalten: »Quamvis multa sint, quae in 
huiusmodi casibus observari canonicae iubeat sublimitatis auctoritas, 
tarnen quia defectus nostrorum temporum, quibus non solum merita 
sed corpora ipsa hominum defecerunt, districtionis illius non patitur 
in omnibus manere censuram, et aetas istius, de quo agitur, fu- 
turae incontinentiae suspicionem auferre dignoscitur, ut ad diaco- 
natum possit provehi«. Der Papst giebt also zu, dass das strenge 
Becht nicht unbedingte Geltung beanspruche. Als Gründe, welche 
die Erteilung der Dispensation in diesem Falle rechtfertigen, führt 
er an die schlimme Lage der Zeit und das hohe Alter des Dispen- 
sanden, das für seine fernere Enthaltsamkeit hinreichende Sicherheit 
biete x ). 

Wir kommen jetzt zu Gregor dem Grossen. In dem Schreiben 
an Augustinus, den Apostel der Angelsachsen (601), in welchem diesem 
eine Dispensfakultät für das Ehehindernis der Blutsverwandtschaft 
bis zum IV. Grad ausnahmsweise erteilt wird, stellt Gregor den 
Grundsatz auf, dass die Kirche in bedrängten Lagen manchmal sich 
milde und barmherzig zeigt und Verletzungen ihres Eechts duldet, 
übersieht, erträgt 2 ). An einer anderen Stelle sagt er: »Temperanda 
est interdum censura districtionis, ubi misericordiae respectus invitat« 3 ). 
Der Ausdruck dispensare im Sinne einer Entbindung von der Be- 
obachtung einer Vorschrift ist dieser Zeit zwar noch nicht ganz geläufig. 
Gregor I. hat die gleichwertigen Bezeichnungen: tolerare, dissimulare, 
portare, moderari, temperare 4 ); es findet sich auch condescensio 5 ) 
und compassio 6 ). Die beiden Ausdrücke dispensatio und condescensio 
sehen wir in prägnanter Weise vereinigt im fünften Buch der Moral : 
»Nonnumquam, qui bene praeest, dum subiectorum populorum con- 



1) J. J. 521 schreibt Papst Hormisdas an den Bischof Salustius : 

»Vices itaque nostras per Baeticam Lusitaniamque provincias cora- 

mittimus (sc. tibi), augentes tuam huius participatione rainisterii dignitatem, 
relevantes nostras eiusdera reraedio dispensationis excubias.« Thiel, ep. 142, 1. 
c. p. 980. Hormisdas ist also der Ansicht, dass die Ausübung einer Gewalt an 
sich durch den ordentlichen Inhaber derselben zu geschehen habe. Wenn er 
nun, wie er es im vorliegenden Falle thut, einem Bischof gewisse Machtbefug- 
nisse delegiert, so geschieht dies auf dem Wege der^Gestattung einer Ausnahme, 
also vermittels einer Dispensation (remedio dispensationis). 

2) In Respons. ad quaest. August, ep. 64. 1. c. VIII. 299: »Quaedam per 
mansuetudinem tolerat, quaedam per considerationem dissimulat atque portat.« 

3) L. c. 1. 9. ep. 26, VIII. 66; districtio wird sehr oft angewendet für 
ius strictum. — 4) L. 19. Moral. 1. c. IL 250; 1. 20. Moral. 1. c. IL 279. — 
5) L. 19. Moral. 1. c. IL 252. — 6) L, c. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 33 

fusione concutitur, ad dispensationem condescensionis ex sola dilectione 
permovetur« 1 ). Ein guter Vorgesetzter betrachtet es also als seine 
Pflicht, in Zeiten der Not die Strenge des Gesetzes zu mildern. Die 
Dispensation soll , wie Gregor sehr oft betont 2 ) , die Vermittelung 
zwischen dem strengen Recht und der Gnade und Güte herbeiführen. 

Papst Martin I. (649) erklärt sich für die Dispensation 
als einer Ausnahme von den geltenden Bestimmungen, indem der 
Obere unter dem Druck der Verhältnisse manchmal nicht umhin 
könne, Gnade vor Recht ergehen zu lassen 3 ). Wenn er sagt: »Novit 
canon afflictorum temporum persecutionibus veniam tribuere« 4 ), so 
ist hierin deutlich ausgesprochen, dass das Institut der Dispensation 
bereits zu seiner Zeit rechtlich anerkannt war. Wird nun in An- 
sehung der Notlage der Verhältnisse von dem Recht eine Abweichung 
zugelassen, so geschieht dies auf Grund einer Dispensation, »ex dis- 
pensatioue datur« 5 ). 

Ganz besondere Erwähnung verdienen hier die Ausführungen 
des Papstes Johann VIII. Mit ihm schliessen wir die Reihe der- 
jenigen Päpste, deren Aussprüche über das Dispenswesen uns bekannt 
geworden sind bezw. von besonderer Bedeutung geschienen haben. Am 
16. August des J. 879 richtet dieser Papst an die byzantinischen 
Kaiser Basilius, Konstantius und Alexander ein Schreiben, das für 
unsern Zweck eine reiche Ausbeute darbietet 6 ). Es handelt sich 
nämlich um die Restitution des Patriarchen Photius, der vom Papst 
Nikolaus nicht anerkannt worden war, weil er unter Verachtung 
aller Vorschriften über die Weiheinterstizien in dem kurzen Zwischen- 
raum von fünf Tagen vom Laienstand zur bischöflichen Würde er- 
hoben worden war, um so der Nachfolger des widerrechtlich abge- 
setzten Patriarchen Ignatius sein zu können. Johann VIII. ist sich 
wohl bewusst, durch die Restitution eine Ausnahme zu gestatten, 
welche mit den Gesetzen der Kirche in Widerspruch stand. Ohne 
den rechtlichen Vorschriften zu präjudiziren oder die Regeln der 
Väter aufzuheben , vielmehr auf Grund zahlreicher Autoritäten ge- 
stattet er alsdann die Restitution, namentlich in Ansehung des Um- 



1) L. 5. Moral. 1. c. I. 55. Diese Stelle hat Deusdedit in seiner Kanonen- 
sammlung herbeigezogen zum Beweis für den Satz, dass der Papst von den 
Verordnungen der Väter Ausnahmen gestatten kann, ed. Martinucci, Venet. 
1869, 1. 1. c. 176, p. 119 sq. — 2) L. 24. Moral, c. 7, 1. c. III. 386; 1. 20. 
Moral., 1. c. II. 283 = c. 9. D. 45 ; homil. 34 , 1. c. V. 313 = c. 15. D. 45 ; 
1. 4 in I. Reg. c. 1. n. 7. 1. c. XIII. 176. — 3) Mansi , Collectio Conciliorum, 
Flor. 1764 sq. X. 811; Jaffe' , 1. c. 2064. — 4) L. c. — 5) L. c. p. 810. — 
6) Migne, 126, 854, Mansi, 16, 479, vgl. Hefele, a. a. 0. 4, 438 ff. 



3 



34 Dispensation und Dispensationswesen. 

Standes, dass durch eine solche Massregel der Friede zwischen Rom 
und Konstantinopel wieder hergestellt und befestigt würde. Sei doch 
die Synode von Nizäa in derselben Lage gewesen wie er, als sie den 
zurückkehrenden Novatianern Dispens gewährte. Die übrigen Au- 
toritäten, die der Papst zum Beweis dafür herbeibringt, dass die 
Not eine Ausnahme von der allgemeinen Rechtsregel hinreichend 
begründe, sind von uns bereits an anderen Stellen besprochen. 
Dieser Brief zeigt eine Zusammenstellung von Citaten, der wir hier 
zum ersten Mal begegnen. Welche Bedeutung demselben beizumes- 
sen ist, ersehen wir daraus, dass er die Quelle bildete, aus welcher 
Ivo von Chartres das Material für die Darstellung seiner Theorie 
über das Dispensationswesen schöpfte 1 ). 

Ueber die Auffassung des Begriffs der Dispensation bei 
Johann VIII. kann kein Zweifel herrschen. Seine Ansicht weicht 
von der damals geltenden, wonach die Dispensation identisch ist mit 
Gestattung einer Ausnahme in keiner Beziehung ab. Ueber die 
Ausdehnung der Dispensation auf die verschiedenen Gebiete des 
Rechts bekommen wir einen Einblick, wenn wir einen andern Brief 2 ) 
desselben Papstes zu Hülfe nehmen , in welchem er einem gewissen 
Frotarius Dispensation zu seiner Versetzung auf den erzbischöflichen 
Stuhl von Bourges erteilt. Dabei beruft er sich, wie in dem zuerst 
erwähnten Schreiben, auf die bekannten Worte des Papstes Gelasius 
in c. 6. C. 1. qu. 7 3 ). Hierin ist aber das Prinzip der Dispensation 
ausgesprochen , welche im voraus erteilt wird. Diese Kategorie der 
Dispens beschränkt Johann VIII. nun nicht auf den vorliegenden Fall 
der Dispenserteilung von den Weiheinterstizien, worauf sich der Aus- 
spruch des Papstes Gelasius bezieht, sowie auf die Translation des Fro- 
tarius. Wie aus einer Stelle des an zweiter Stelle genannten Briefes 
zu entnehmen ist, betrachtet er die Dispensation ante factum auch in 
Ansehung anderer kirchlicher Vorschriften zulässig : »Si huiusmodi 
sanctiones sine ulla discretione vel dispensatione ducimus observandas, 
nullam compassionem fratribus exhibemus, quos gentilium gladios 
passos causa fidei christianae servandae videmus egentes, angustiatos, 
afflictos, hac illacque palantes incedere, ut non solum scientia sed et 
moribus, non solum verbo sed et exemplo plurimos valeant erudire«. 
Wir sehen , dass Johann VIII. die Dispensation pro futuro ebenso 
gut in den Kreis seiner Betrachtung zieht als die dispensatio post 
factum. Ausser dem erwähnten Beispiel von der Translation des 
Frotarius als einer im voraus erteilten Dispens findet sich noch ein 

1) Vgl. hierüber an späterer Stelle. — 2) Ep. 35. Migne, 126, 689. — 
3) Vgl. S. 29. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 35 

solches in den Akten des unter der Regierungszeit dieses Papstes 
abgehaltenen Konzils von Ravenna (877), welches die Verwaltung 
der Güter der römischen Kirche regelt und eine Ausnahme davon 
nur auf Grund ausdrücklicher päpstlicher Dispensation zulässt 1 ). 

IT. Kapitel. 

§. 6. Die Dispensation bei Theodor dem Studiten und Bischof 

Daniel. 

Nachdem wir im Vorhergehenden Aussprüche der Päpste, soweit 
sie für das Dispenswesen von Bedeutung sind, untersucht haben, 
wollen wir im Folgenden zu zeigen versuchen, inwieweit diese Grund- 
sätze in der Literatur und in sonstigen Schreiben Wiederhall ge- 
funden haben. Eine grosse Anzahl von Zeugnissen können wir leider 
an dieser Stelle nicht beibringen. Allein wir sind in der Lage, für 
den Orient und den Occident je ein Beispiel anzuführen, welche uns 
einen ziemlich weiten Einblick in fraglicher Richtung zu verschaffen 
imstande sind. 

Zunächst kommt hier in Betracht Theodor von Konstantinopel 
(759—826), zuerst Abt des Klosters Saccud in der Nähe seiner Vater- 
stadt, später Abt des Klosters Studium, daher Studite genannt. Wie 
er selbst in einem Briefe berichtet 2 ) , schrieb er eine Monographie 
über die Dispensation unter Anlehnung an eine ähnliche Arbeit des 
Bischofs Eulogius von Älexandrien. Von letzterer Schrift hat Mai 
ein Bruchstück veröffentlicht, in dem aber nur von der oixovojua im 
Sinne der Heilsvorsehung die Rede ist 3 ); jedoch muss Eulogius die 
Dispensation auch als kirchenrechtliches Institut besprochen haben, 
da nach dem Bericht des Photius die Abhandlung gegen die Nova- 
tianer gerichtet war, welche bekanntlich an der strengen Durch- 
führung der kirchlichen Disziplin festhielten 4 ). Dagegen können wir 
uns von den Ausführungen des Studiten ein Bild machen, wenn wir 



1) C. 21: »Quod si quisquam huic nostro Statute- contraire temp- 
taverit et de praefatis quibuslibet alicuiusmodi scriptum sibi fieri postulaverit 
aut etiam beneficiali more ea retinere praesumpserit, excepta dispensatione 
apostolica, quae ad augmentum et servitium S. R. ecclesiae esse probatur« . . ., 
Mansi, 17, 340; vgl. Dämmler, Geschichte des ostfränkischen Reichs, Leipz. 
1887, III. 49. 

2) Sirmond, opera ?aria, Venet. 1728, 1. 1. ep. 49, 5, 277 sqq. 

3) Scriptorum veterum Collectio, Rom. 1823, 7, mit der Ueberschrift: 
>EuXoyiou £maxÖ7rou 'AXe^avSpsioc? Xöyo? rcept tpiaSos xal x% 9s(a<; oixovo;xia<; xov ulb; 
T7j? -cpiaSo; 9-eoö Xdyou.« 

4) vgl. Marra, 1. c. I. 3. c. 10. n. 2. 

3* 



36 Dispensation und Dispensationswesen. 

die Inhaltsangabe herbeiziehen, welche der Verfasser selbst seinem 
Mitbruder Naukratius in einem Briefe mitteilt. Dieser hatte in dem 
damals mit aller Heftigkeit geführten Streit über den Verkehr mit den 
Ikonoklasten die Frage an den Studiten gestellt, warum der hl. Cyrill 
von Alexandrien denjenigen, welche den Häretiker Theodor von Mop- 
sueste'in den Diptychen erwähnten, Dispens erteilt hätte, so dass 
sie aus der Kirche nicht ausgeschlossen wurden. Eine weitere Ver- 
anlassung, seine Ansichten über die Dispensation auszusprechen, 
boten Theodor die Streitigkeiten mit dem Patriarchen Nikephorus, mit 
dem er die Gemeinschaft aufhob, weil derselbe einen Geistlichen, 
der den ehebrecherischen Kaiser Konstantin IV. kirchlich getraut 
hatte, wieder in Gnaden aufnahm 1 ). Hiezu hatte auch die Synode 
ihre Zustimmung gegeben. Man sagte: »Sanctus qui iussit; sancti 
est dispensatio ; quare illum recipite , d. h. in die Gemeinschaft« 2 ). 
Das Wesen der Dispensation findet der Studite darin, dass die 
Anwendung einer gesetzlichen Vorschrift mit Rücksicht auf die 
obwaltenden Umstände manchmal unterbleiben muss. Wie es dem 
Arzt nicht möglich ist, eine Krankheit von Grund aus zu heben, 
wie es unmöglich ist, ein noch uugebändigtes Pferd sofort an Zucht 
und Ruhe zu gewöhnen, ebenso wenig lässt sich die strikte An- 
wendung eines Rechtssatzes immer durchführen. Wie es bei dem 
ungebändigten Tiere der Güte und Milde bedarf, so ist auch auf 
dem Gebiete des Rechts Nachsicht und Gnade am Platz. Aufgabe 
der Dispensation ist es zu verhüten, dass die Gesetze übertreten 
werden , und zu verhindern , dass durch eine allzustraffe Spannung 
der verbindenden Kraft der Gesetze die Billigkeit des Rechts ausser 
Acht gelassen wird, und so ein grosser Schaden für die Kirche 
selbst entsteht. Bereits der Apostel Paulus hat die Dispensation 
angewandt, als er die Beschneidung seines Schülers zuliess. Unter 
den Vätern hat gleichfalls Basilius sehr häufig von der Dispens 
Gebrauch gemacht, so z. B. als er auf Bitten des Valens die Be- 
zeichnung des hl. Geistes als eines Gottes in seinen Predigten 
unterliess 2 ). Auch Cyrill hat auf dem Wege einer Dispens den 
Verkehr mit den Häretikern gestattet. Wer immer aus Gründen 
der Notwendigkeit eine Ausnahme gestattet , der weicht von dem 
Rechte keineswegs ab. Und warum sollte man solche Dispensationen 
nicht zulassen für diejenigen, welche im Glauben mit der ganzen 
Kirche übereinstimmen, und nur betreffs der rein rechtlichen Vor- 



1) Sirmond, 1. c. ep. 300, 5, 233. 

2) L. c. ep. 24, p. 220. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 37 

Schriften eine andere Ansicht haben , da sie unter dem Druck der 
Verhältnisse den strengen Forderungen des Gesetzes nicht genügen 
können? Wer in solchen Fällen die Gestattung einer Ausnahme 
verweigert und trotz der vorhandenen Notlage die Innehaltung der 
gesetzlichen Vorschriften verlangt, der fügt der Kirche einen Scha- 
den zu, der nicht wieder gut zu machen ist. Nur ein Unverstän- 
diger kann die Dispensation da, wo sie gerechtfertigt ist, versagen *), 
denn die Kirche hat das Institut der Dispens eingeführt, um nach 
Zeit und Umständen die strengen Forderungen des Rechts zu mil- 
dern, falls sie sich als hart und unbillig erweisen 2 ). 

Der Studite teilt die Dispensationen ein in immerwährende 
und vorübergehende. Eine immerwährende Dispens sieht er z. B. 
darin, dass der hl. Athanasius den Italienern die Anwendung des 
Wortes persona für uTiöaxaatg gestattete. Als Dispensation von 
nur vorübergehender Natur gilt ihm die Nachsicht des Apostels 
Paulus betreffs der Beschneidung des Timotheus und die Gestattung 
des Verkehrs mit den Häretikern seitens Cyrill 3 ). 

Nach der Ansicht Theodors müssen zur Erteilung einer Dis- 
pensation gewisse Bedingungen vorliegen : die Abweichung darf einmal 
keine willkürliche sein ; es muss stets ein hinreichender Grund dazu 
vorliegen 4 ). Dann kann aber auch nicht von jedem kirchlichen Gesetz 
eine Ausnahme zugelassen werden. Hierüber spricht er sich des 
nähern aus im 48. Brief 5 ). In den Evangelien' finden sich Vor- 
schriften, welche weder durch die Zeitläufe noch durch die Aenderung 
der Verhältnisse gebeugt werden können. Sie entstammen dem 
ewigen Munde Gottes und sind wie dieser unwandelbar. Eine Aus- 
nahme von denselben ist unter keinen Umständen statthaft; und 
wenn trotzdem der Patriarch und die Synode gegen den Geistlichen 
von einer Dispens Gebrauch machten, so hätten sich dieselben gegen 
das göttliche Gesetz vergangen, indem sie dadurch den Grundsatz 
ausgesprochen hätten, dass die göttlichen Gebote alle ohne Ausnahme 
abgeändert werden können: »Num enim in omnibus hominibus et 
in omni mandati transgressione dispensatio est, an in quibusdam et 
in aliquo ? Et quoniam sors ista est, ut in quibusdam et in aliquo 
nequaquam? A quibusnam ergo et a quam multis haec dispensatio? 
Ab episcopis solis aut etiam a sacerdotibus ? Synodice an privatim 
utcunque? Et si in regibus tantum, an in adulterio solo? an in 



1) L. c. ep. 49, p, 278. — 2) Ep. 300, 1. c. p. 233. — 3) »Quae ad tem- 
pus aliquod facta nihil habent repreheusione dignuin nee absurdum ulla ex 
parte aut illicitum.« L. c. — 4) L. c. — 5) L. c. p. 270 sqq. 



38 Dispensation und Dispensationswesen, 

qualibet iniquitate ? Et quando in regibus cessant Dei man- 
data x ) ?« 

Aus dem Bisherigen geht zur Genüge hervor, dass wir hier 
eine vollständige Theorie der Dispensation vor uns haben. Dispen- 
sation im Sinne Theodors ist jede Ausnahme, jede Abweichung von 
dem Gesetz. Es gibt Vorschriften, von denen unter keinen Um- 
ständen dispensirt werden kann. Soll eine Dispens gerechtfertigt 
sein , so muss ein hinreichender Grund dazu vorliegen. Die Aus- 
führungen des Studiten umfassen nicht allein die Dispensation, inso- 
fern als die Wiederbelassung von zurückkehrenden Häretikern in 
ihren Weihegraden als solche uns entgegentritt, sondern sie er- 
strecken sich auf das gesammte kirchliche Rechtsgebiet. Einen 
Unterschied zwischen Dispensen vor und solchen nach der That 
kennt er nicht. Ja, die Beispiele, die er im Verlaufe seiner Er- 
örterungen vielfach erwähnt, sind fast durchweg Dispensationen, die 
im voraus die Vornahme einer verbotenen oder die Unterlassung einer 
gebotenen Handlung gestatten. 

In seinem Eherecht der orientalischen Kirche behauptet Zhis- 
mann 2 ), dass dieselbe eine ausgesprochene Feindin des Dispensatious- 
wesens gewesen sei. Er ist der Ansicht, dass es überhaupt an Zeug- 
nissen fehle darüber, dass sie das Prinzip der Dispensation gekannt 
hätte. Dies ist, wie wir bereits gesehen, ebenso falsch wie seine 
fernere Behauptung, dass ausser dem infolge der Missbräuche der 
letzten Jahrhunderte entstandenen Ausdruck »ouyxataßaaig« eine an- 
dere Bezeichnung für die Dispensation im jetzigen Sinne nicht auf- 
zuweisen sei. Wir halten es nicht für nötig, auf diese verkehrte An- 
sicht noch einmal zurückzukommen und verweisen namentlich auf 
die Darstellung des Dispensationswesens bei Cyrill 3 ). Das Prinzip 
der Dispensation ist ausserdem von der achten allgemeinen Synode 
von Konstantinopel ausdrücklich auerkannt worden 4 ). 

Für das Abendland giebt uns der Briefwechsel zwischen dem 
hl. Bonifatius und dem Bischof Daniel von Winchester einen Ein- 
blick in die damalige Auffassung von dem Dispensationswesen. In einem 
Schreiben an diesen Bischof beklagt sich der Apostel der Deutschen, 
dass es ihm unmöglich sei, die strengen kanonischen Vorschriften 
über den Ausschluss von falschen Priestern aus der Kirche in An- 
wendung zu bringen. Er müsse sich darauf beschränken , denselben 



1) L. c. — 2) Wien, 1864, S. 715 ff. — 3) S. 20 ff. — 4) Mansi , 1. c. 
16, 454: »Etenim divus Chrysostomus ait, ibi esse dispensandum , ubi non sit 
praevaricandum, quemadmodum et ipse fecit, cum Ephesinis episcopis propter 
simoniam damnatis sacraraentorum usura in sacrario indulsit.« 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 39 

die Teilnahme an der Kommunion zu verbieten. Den sonstigen Ver- 
kehr mit ihnen könne er aber nicht vermeiden *). In dem Antwort- 
schreiben 2 ) auf diesen Brief weist Daniel darauf hin, dass die Kirche 
die Bösen bis zu einem gewissen Grade dulde, und zwar auf Grund 
einer Dispensation (condescensio). Die strengen Sätze des kirchlichen 
Rechts können ja nicht immer angewendet werden. Mit Rücksicht auf 
die Notlage sei manchmal eine Ausnahme von denselben angebracht, 
»utilis simulatio adsumenda tempore.« In der Kirche sei es herge- 
brachte Sitte, dass Dispensationen gewährt werden, und er wolle da- 
für Beispiele anführen, die er selbst sich aus den Werken der Väter ge- 
zogen habe. Auf Grund einer Dispensation habe sich Petrus vor den 
Juden versteckt 3 ). Timotheus erhielt von dem Apostel Paulus die 
Erlaubnis, sich beschneiden zu lassen u. s. w. 4 ). Auch war es eine 
Dispens, als Christus sich stellte, als ob er den Weg fortsetzte 5 ) und 
als ob er das nicht wüsste, was er wirklich wasste 6 ). Der Psalmist 
verstellte sich vor Abimelech 7 ). Josef von Aegypten sah seine Brü- 
der hart an , obschon er sie kannte , und war gegen sie wie ein 
Fremder 8 ). Rebekka bedeckte die Hände Jakobs mit den Fellen der 
Böcklein 9 ) .... alle diese Beispiele, sagt er, lassen sich nur er- 
klären , wenn man die Dispensation zu Hülfe nehme. Es seien dies 
keine Lügen, sondern in Ansehung der guten Absicht gestattete Aus- 
nahmen. Demnach habe Bonifatius gar keinen Grund, vor der An- 
wendung der Dispensation da zurückzuschaudern, wo das Gesetz seiner 
ganzen Strenge nach nicht zur Durchführung gelangen könne. 

V. Kapitel. 

§. 7. Der Begriff der Dispensation bis zum IX. Jahrhundert. 

Zusammenfassung. 

Wir haben gesehen, dass Cyrill, dem wir die erste Theorie 
über die Dispensation verdanken, als solche auffasst jede Abweichung 
von dem strengen Recht. Die im Laufe der Zeiten durch die ver- 
änderten Zustände notwendig werdende Abrogation und Derogation 
gilt ihm ebensowohl als Dispensation wie die nur für einen Einzel- 
fall erfolgende Aufhebung der Wirksamkeit eines Rechtssatzes. Auch 
das Privilegium fällt unter diesen weiten Begriff. Dieselbe Auffassung 
haben wir konstatirt bei dem hl. Augustinus. Innocenz I. , Leo L, 
Hilarius, Gelasius, Symmachus, Gregor L, Johann VIII. , alle diese 
Päpste betrachten als Dispensation jede beliebige Ausnahme von dem 

1) Joffe*, Monumenta Mog. Berol. 1866, ep. 55, p. 158. — 2) L. c. ep. 56, 
p. 165 sq. — 3) Gal. 2, 12. — 4) Acta, 16, 3. — 5) Luk. 24, 28. — 6) Luk. 
8, 45; Joh. 11, 34. — 7) Ps. 33, 1. — 8) Genes. 42, 7. - 9) Genes, 27, 16. 



40 Dispensation und Dispensationswesen. 

strengen Recht. Es begründet keinen Unterschied, ob diese Aus- 
nahmen ganz allgemeiner Natur, ob sie ein Gesetz ganz oder teil- 
weise für die gesammte Gemeinschaft oder für einen Teil dersel- 
ben aufheben, oder ob sie blos vorübergehenden Charakter haben 
und dabei zu Gunsten Aller oder nur Einzelner gemacht werden. 
Die orientalische Kirche kennt neben der gebräuchlichsten Bezeich- 
nung oixovoju'a für die Dispensation noch auyx^? 7 ! ^ , xaxaßaoic, 
ouyxaTaßaaic, aujiTispKpopa, auYpiüjAT], ou/ji7ra0sia, (piXav$pa>7ua, wäh- 
rend die Lateiner dafür die Ausdrücke misericordia, humanitas, de- 
mentia, venia, indulgentia, reraissio und dispensatio anwenden. 

Tl. Kapitel. 

§. 8. Die Dispensationen ad faciendum. 
Kritik der herrschenden Ansicht. 

Bereits an früheren Stellen haben wir Veranlassung gehabt, 
darauf hinzuweisen , dass die theoretischen Darstellungen des Dis- 
pensationswesens in dieser Periode einen Unterschied zwischen Dis- 
pensen, die im voraus, und solchen, die erst nach der That erteilt 
werden, nicht kennen. Auf diese Frage soll nun hier des nähern 
eingegangen werden. 

Bis in die Literatur der heutigen Zeit hat sich die Ansicht 
fortgeerbt, dass die Kirche in den früheren Jahrhunderten nur dann 
Dispensationen gewährte, wenn es sich darum handelte, ob ein schon 
bestehendes Verhältnis oder eine bereits gesetzte Thatsache, die im 
Widerspruch mit dem Gesetze zustande gekommen waren, geduldet, 
oder ihnen die rechtliche 'Anerkennung versagt werden sollte. Es 
hatte z. B. Jemand , obgleich er Bigame oder Neophyte war, die 
Weihen empfangen , oder es war zwischen zwei blutsverwandten 
Personen eine Ehe eingegangen worden. Hiernach hätte die Dis- 
pensation stets den Charakter einer nachträglichen Gutheissung 
gehabt. Diese Praxis herrschte angeblich bis zum XI. Jahrhundert, 
erst von diesem Zeitpunkt ab soll man im voraus die Setzung von 
verbotenen oder die Unterlassung von gebotenen Handlungen erlaubt 
haben. Nur wenige Autoren versetzen den Grenzpunkt der jungem 
und altern Praxis in das VIII. Jahrhundert. 

J. H. Boehmer 1 ), der, den Franzosen Marca 2 ) und Thomassin 3 ) 
folgend, dieser Ansicht zuerst eine wissenschaftliche Grundlage zu 
geben versucht hat, sagt *) : »Priscis temporibus ut plurimura tolerando 

1) Jus ecclesiasticum protestantiura, Hai. 1740, IV., Dissertatio de romana 
ecclesia matre indulgentissima, §. 38 ; vgl. §. 41. — 2) L. c. 1. 3. c. 14. n. 5 ; 
vgl. c. 13. n. 2; vgl. dazu Boehmer, Observationes, 1. c. 1. 3. c. 13. — 3) L. c. 
p. 2. 1. 3. c. 24. n. 5. 20. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 41 

et dissimulanclo fiebat (dispensatio), ut actus contra leges susceptus 
haud impugnaretur, sed pro temporis praesentis ratione pacis causa 
adraitteretur. In quo praxis antiqua ab hodierna differt longissime, 
secundum quam precibus solet obtineri, ut contra leges licite quid 
fiat«. Diese Ansicht vertreten ferner van Espen 1 ), die Verfasser der 
Conferences ecclesiastiques de Paris 2 ), Casalis 3 ) u. s. w. Die Literatur 
ist durchgängig dieser Auffassung gefolgt 4 ) , nur Phillips 5 ) und 
neuerdings Hinschius 6 ) machen eine Ausnahme, indem sie die 
herrschende Meinung als irrig bezeichnen, ohne jedoch dieser Frage 
besonders näher zu treten. In neuester Zeit hat dieselbe in dem 
Franzosen Esmein, der in seiner Geschichte des kanonischen Eherechts 7 ) 
den Unterschied zwischen alter und neuer Praxis zu begründen 
sucht, einen entschiedenen Verfechter gefunden. 

Nach der Auffassung von Esmein war die kirchliche Jurisdiktion 
in den ersten Jahrhunderten eine reine Disziplinargewalt, vermittelst 
welcher die Kirche von dem Klerus wie von den Gläubigen Rechen- 
schaft über ihre Handlungen verlangte. Es handelte sich also hier 
stets darum, ob wegen der Verletzung der kirchlichen Vorschriften 
Strafe verhängt werden sollte oder nicht. Den Umständen des ein- 
zelnen Falles Rechnung tragend, Hessen dann die kirchlichen Oberu, 
anstatt die strengen Rechtssätze in Anwendung zu bringen, Milde 
und Gnade ergehen. Nach erfolgter Nichtbeobachtung eines Gesetzes 
durfte so der Uebertreter in dem durch sie begründeten Verhältnis 
wie in einem legitimen verbleiben. Dies sind die Prämissen, aus 
denen Esmein den Schluss zieht, dass die Dispensation während dieser 
Zeit sich einzig und allein darstelle als eine »repression disciplinaire« 8 ), 
als Ausschluss von Strafen. In dieser Fassung bringt Esmein noch 
ein zweites Moment zum Ausdruck, das wir in Deutschland bereits 



1) Dissertatio canonica de dispensationibus praesertim matrimonialibtis, 
Opp. Lov. 1732, p. 4. c. 4. §. 2. — 2) Paris, 1773, 3, 82. - 3) Vindiciae iuris 
ecclesiastici, Rom. 1759, p. 191 sq. — 4) Namentlich gehören hierher alle Ver- 
treter der episkopalistischen Richtung des vorigen Jahrhunderts; ferner Eichhorn, 
Deutsche Staats- und Rechtsgeschichte, Gott. 1842-44, §. 316; dessen Grund- 
sätze des katholischen Kirchenrechts, Gott. 1831—33, 2, 19; Scherer, Handbuch 
des Kirchenrechts, Gras, 1886, 1, 172, Richter- Dove-Kahl, Lehrbuch des ka- 
tholischen und evangelischen Kirchenrechts, Leipzig, 1886, S. 576; Mejer, Ar- 
tikel Dispensation in der Real-Encyklopädie für protestantische Theologie und 
Kirche von Herzog und Plitt, Leipz. 1878, S. 632; Heiner, Katholisches Kir- 
chenrecht, Paderb. 1893, 1, 174. — 5) Kirchenrecht, Regensburg, 1845 ff. 5, 174. 
— 6) Hinschius, System des katholischen Kirchenrechts in Deutschland, Berlin, 
1869 ff. 3, 689, Anm. 1. — 7) Le mariage en droit canonique, Paris, 1691, 2, 
316 s. — 8) L. c. p. 320. 



42 Dispensation und Dispensalionswesen. 

durch Jacobson x ) am schärfsten vertreten finden, welcher behauptet, 
die Dispensation bestand in früheren Zeiten in der Absolution von 
den weitem Folgen einer bereits geschehenen Gesetzesübertretung. 
Es werden also hier Absolution und Dispensation identifiziert. 

Behufs näherer Prüfung des von uns bestrittenen Unterschieds 
zwischen einer älteren und einer jüngeren Praxis des Dispensations- 
wesens müssen wir uns mit zwei Fragen beschäftigen: 1) Ist die 
Behauptung richtig, dass während der zehn ersten Jahrhunderte die 
Dispensation gleichbedeutend ist mit Absolution ? und 2) Lässt sich 
die Ansicht aufrechterhalten, dass in dem angegebenen Zeitpunkt 
nur Dispensationen nach bereits geschehener That erteilt worden sind ? 

§. 9. Hislorisclie Gestaltung des Verhältnisses zwischen Dispensation 

und Absolution. 

Den Ausgangspunkt für die Untersuchung der Frage, ob Dis- 
pensation und Absolution identifiziert werden können, legen wir in 
den Satz, dass bereits die ersten Quellen des Kirchenrechts bei den 
gleichen Verbrechen den Geistlichen ganz andere Strafen androhen 
als den Laien. Der 41. Kanon der apostolischen Verordnungen 
besagt 2 ), dass ein Bischof, Presbyter oder Diakon, der dem Würfel- 
spiel oder der Trunkenheit ergeben ist, entweder dieser Leidenschaft 
zu entsagen habe oder abgesetzt werden soll; der Subdiakon dagegen, 
der Kantor und der Lektor sollen wie die Laien aus der kirchlichen 
Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Das Konzil von Elvira (306) 
setzt im Kanon 20. für wuchertreibende Kleriker die Degradation 
fest, während der Laie der Exkommunikation verfällt 3 ). Dasselbe 
verordnet der Kanon 17. des Nizänum 4 ). Nach dessen Verordnung 
soll ein Kleriker, welcher das Wucherverbot überschritten, aus dem 
Klerus ausgestossen (xa&aipsö^osxai xou x\r}pou xal aXXöxpioc xou 
xavovog foxai) und aus dem Verzeichnis gestrichen werden. 

Wir erachten es nicht für notwendig, die angegebenen Beispiele 
noch um weitere zu vermehren. Aus den angeführten erhellt zur Genüge, 
dass die Kirche in derartigen Fällen eine scharfe Grenze zieht. Der 
Grund dieser verschiedenartigen Behandlung von Klerikern und Laien 
bei denselben Verbrechen liegt darin, dass nach der damaligen An- 



1) Artikel Dispensation im Rechtslexikon für Juristen aller teutschen 
Staaten, von Weiske , Leipzig, 1841. S. 454; vgl. S. 450. 

2) Vgl. c. 62. 57. 61. 48 der vierten karthagischen Synode, Hefele, 2, 
73 f.; c. 2. Sardica, Hefele, 1, 559. 

3) Hefele, 1, 163 = c. 5. D. 47; vgl. c. 43. Apostolorum. 

4) Hefele, 1, 421 = c. 2. D. 47 und c. 8. C. 14. qu. 4. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 4o 

schauung das Büsserleben mit der Würde des Klerikers unver- 
einbar galt. Zudem war die Versetzung eines Klerikers in den 
Laienstand an sich schon Strafe genug, und »bis de eoclem delicto 
vindictam non exiges 1 ).« 

Die Kleriker, weiche sich gewisse Verbrechen zu schulden kom- 
men Hessen, hatten sich vom Tage der Verurteilung ab als Laien zu 
betrachten. Sie wohnten wie diese dem Gottesdienst bei , nahmen 
teil an den Gebeten und Oblationen, empfingen die Sakramente, ge- 
nossen überhaupt alle Wohlthaten , welche die Kirche ihren Mit- 
gliedern zuwendet; auch der gegenseitige Verkehr zwischen ihnen 
und den übrigen Mitgliedern der Gemeinde erlitt keine Beschränk- 
ung 2 ). Nun ist aber doch denkbar und thatsächlich auch vorge- 
kommen, dass einem solchen Verbrecher die Ausübung seiner Weihen 
nachher wieder gestattet wurde. Diese Nachsicht dokumentierte sich 
alsdann keineswegs vermittelst einer Absolution, denn diese ist die 
Wiederaufnahme von Pönitenten nach vollbrachter Busszeit. Sie bildet 
den Abschluss der Busse; wo also keine Busse verhängt, wo der Ver- 
brecher gar nicht zu den Pönitenten gehört, da kann von einer Ab- 
solution auch keine Rede sein. Die fünfte karthagische Synode sagt 
ausdrücklich , wenn ein Kleriker eines schweren Verbrechens über- 
führt und deswegen seines Amtes entsetzt worden sei, dann bedürfe 
es nicht der Handauflegung wie bei Pönitenten 3 ). In allen den Fällen, 
in denen degradierte Kleriker aus dem Laienstand in den Klerus 
wieder aufgenommen werden, ist demnach eine Absolution unbedingt 
ausgeschlossen. Der Strafzustand wird einfach dadurch gehoben, 
dass der kirchliche Obere dem Delinquenten die Erlaubnis giebt, 
seine Weihe wieder ausüben zu dürfen, dass er ihn von der Ver- 
pflichtung entbindet, dem ihn unter die Laien versetzenden Kanon 
weiter Folge zu leisten, d. h. er erteilt ihm Dispensation. Derartige 
Befreiungen sind zwar dispensationes post factum, sie beseitigen die 
Folgen einer bereits geschehenen Handlung, sind aber immerhin keine 
Absolutionen, von denen sich dieselben wesentlich unterscheiden. So- 
bald aber die Kleriker wie die Laien der öffentlichen Kirchenbusse 
unterworfen wurden, da änderte sich die Sache. Alsdann war die 
Absolution notwendig, aber nur zur Aufhebung des Büsserzustandes 
und hatte keineswegs an sich die Folge, dass der betreffende Kleriker 
durch den Akt der Wiederaufnahme in die Kirche nun zugleich auch 
wieder zur Ausübung seiner Weihebefugnisse ermächtigt war. Hiezu 

1) c. 24. Apostolorum. 

2) c. 19. Laodicaea, Hefele, 1, 763; c. 2. Ägde = c. 21. D. 50, Hefele, 
2, 650. - 3) Hefele, 1, 353. 



44 Dispensation und Disyensationswesen* 

bedurfte es eines besondern, von dem Akt der Wiederaufnahme juri- 
stisch verschiedenen Aktes, der Dispensation. Faktisch können aller- 
dings beide Handlungen in solchen Fällen sehr oft zusammenfallen. 
Nur in diesem Sinne ist es also zu verstehen, wenn man sagt: 
Dispensationen und Absolutionen wurden früher »unter einem« er- 
teilt i). 

Zu demselben Resultat gelangen wir, wenn wir in Betracht 
ziehen, dass das kirchliche Recht für gewisse Verbrechen von Kleri- 
kern bald blos die Irregularität , bald die Exkommunikation ver- 
hängt. Nach der Verordnung des Konzils von Neozäsarea ist der 
Presbyter, welcher heiratet, nur irregulär (xtjc xaieox; auxöv 
jxsxaxtfteafrai) ; falls er aber Ehebruch treibt, dann soll er aus dem 
Klerus ganz ausgeschlossen und unter die Büsser versetzt werden 
(s^iofrsTaOat auxov xeXsov xal ayaa&ai auxöv elc, jxexavoiav) 2 ). Liegt 
blos Irregularität vor, so genügt die Dispensation, damit ein solcher 
Presbyter wieder Weihefunktionen verrichten kann. Im zweiten Falle 
aber wird der Büsser nach Ablauf der Busszeit vermittelst der Ab- 
solution nur ein gewöhnlicher Laie; die Ausübung der Weihebefug- 
nisse ist ihm immer noch untersagt. Gerade diese Irregularität wird nur 
beseitigt durch die Dispensation. Der Reinigungsprozess vollzieht sich 
also hier in zwei wesentlich verschiedenen Akten : stierst Absolution 
und dann Dispensation. Dieselben können getrennt sein, aber auch 
zusammenfallen, je nachdem sich der Obere streng oder milde zeigt 
und die Erteilung der Dispensation von der sichtlichen Besserung 
abhängig macht. 

Der Schluss aus allen diesen Erwägungen lautet, dass es der histo- 
rischen Wahrheit nicht entspricht, Absolution und Dispensation zu 
identifizieren. Sie sind ihrer innern Konstruktion nach von vorn- 
herein auf ganz verschiedene Funktionen hingerichtet, und wenn 
auch vorkommenden Falls Absolution und Dispensation »unter einem« 
erteilt werden, so berechtigt dies noch keineswegs dazu, eine Gleich- 
heit ihrer Begriffe aufzustellen. Man muss alsdann diesen einen 
Akt von zwei verschiedenen Gesichtspunkten auffassen. Ferner ist 
auch zu bedenken , dass diese Fälle , in denen Absolution und Dis- 
pensation zugleich erteilt werden, die Ausnahme bilden gegenüber 
denjenigen, in welcher Absolution allein oder Dispensation allein 
gewährt wird. 



1) Fiebag, De indole ac vivtute dispensationum secundum principia iuris 
canonici, Breslau, 1867, p. 35; Scherer, a. a. 0. S. 172 und andere. 

2) C. 1. He feie, 1, 244 = c. 9. D. 28. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 45 

Die Antwort auf die erste Frage, die wir gestellt haben, ist 
also die, dass Dispensation und Absolution, als wesentlich verschie- 
dene Akte zu betrachten sind. Mag auch die Dispensation unter 
Umständen erst nach der That erteilt werden, um deren Rechts- 
nachtheile zu beseitigen, trotzdem ist sie keine Absolution 1 ). 

§. 10. Die Dispensationen ad faciendum. 

Die Ansicht, als ob bis zum XI. Jahrhundert nur solche 
Dispensationen üblich waren, die den Charakter einer nachträglichen 
Gutheissung von verbotenen Handlungen oder von Unterlassungen ge- 
botener Handlungen hatten, hat ihren Stützpunkt neben der bereits im 
vorigen Paragraphen zurückgewiesenen Auffassung von der Gleichheit, 
von Dispens und Absolution vornehmlich in den Beispielen von Dis- 
pensationen, die uns aus dieser Periode überliefert sind. Au einige der- 
selben werden wir unsere Untersuchung anknüpfen und so Kritik üben. 

Ein unbestreitbares Beispiel einer Dispensation liegt vor in 
dem Schreiben des Papstes Sirizius an den Bischof Himerius von 
Tarragona, der ihm die in Spanien herrschende Unordnung und 
Lockerung der Kirchendisziplin mitgeteilt hatte. Es waren hier 
nämlich trotz des Verbotes viele Büsser und Bigame geweiht, ja 
selbst auf Bischofsstühle erhoben worden. Papst Sirizius nun dispen- 
sierte dieselben von ihrer Irregularität und gestattete ihnen die Aus- 
übung der erhaltenen Weihen 2 ). Bislang hat man bei der Beurteilung 
dieses Falles das Hauptgewicht darauf gelegt, dass die Dispensation 
hier einen bereits geschehenen Akt zu heilen hat. Es lässt sich die 
Sache aber auch von einem andern Standpunkt auffassen. Worauf 
erstreckt sich hier denn die Wirkung der Dispens ? Jedenfalls nicht 
auf die Thatsache der Gesetzesübertretung. Diese ist und bleibt 
geschehen. Sie gehört der Vergangenheit an, und Vergangenes kann 
selbst ein Gesetzgeber nicht ungeschehen machen. Was dieser thun 
kann, das ist die Beseitigung der an den betreffenden Thatbestand 
geknüpften Rechtsfolgen. Er vermag die Thatsache ihres juristischen 
Charakters zu entkleiden, den durch sie begründeten Zustand auf- 
zuheben, d. h, die Verpflichtung, die durch die verbotene Ordination 
inkurrierte Irregularität zu tragen. Infolge der Sanierung der an 
sich mangelhaften, rechtswidrigen Thatsache werden aber berührt 
nicht allein die bereits getragenen, sondern auch die noch zu tragenden 

1) Der Unterschied zwischen Dispensation und Absolution wird an späterer 
Stelle Gegenstand besonderer Untersuchung werden. Im Vorstehenden kam es 
blos auf die geschichtliche Seite an. 

2) Ep. 6, n. 5, Coustant, 1. c. 1, 661. 



46 Dispensation und Dispensationsviesen. 

Rechtsnachteile. Die Dispensation entbindet den Irregulären zugleich 
davon , dem Gesetze , das die Irregularität über ihn verhängt hat, 
noch fernerhin Folge zu leisten. Von diesem Gesichtspunkte aus hat 
die nach der That erteilte Dispensation auch eine iu die Zukunft 
gehende Wirkung. Die Dispensation zeigt also bei der Beseitigung 
der Irregularität einen gemischten Charakter, indem sie zwar erst 
nach der That gewährt wird , ihre Wirkung aber zugleich auf 
zukünftige Akte sich erstreckt. Anders verhält sich die Sache in 
einem zweiten Beispiel. 

Das Konzil von Ankyra (314) giebt im 2. Kanon den Bischöfen 
die Erlaubnis, denjenigen Diakonen, welche unter Lizinius geopfert 
hatten, aber nachher wieder in den Schoss der Kirche zurückgekehrt 
waren, die über sie verhängte Suspension aufzuheben, und falls die- 
selben sich würdig zeigen, in höhere Weihegrade aufsteigen zu lassen *). 
Betrachtet man die hiermit in Aussicht gestellte Dispensation als die 
nachträgliche Gutheissung eines unerlaubten Aktes , so bleibt nichts 
anders übrig , als den Abfall zum Götzendienst als diejenige ver- 
botene Handlung zu bezeichnen , die durch die Dispensation geheilt 
werden soll. Diese Annahme ist aber widersinnig. Infolge des Abfalls 
zum Heidentum wurden die Diakone zur Ausübung ihrer Weihe- 
befugnisse unfähig; berührt wird also durch die Dispensation der- 
jenige Rechtssatz, welcher die lapsi von dem Empfang der Weihen 
und deren Ausübung ausschliesst. Die Thatsache des Abfalls ist nur 
Voraussetzung für den Eintritt der Irregularität, ihre Veranlassung, 
und wird durch die nachher gewährte Dispensation in keiner Weise be- 
rührt. Die Dispensation beseitigt in diesem Falle nur die Verpflichtung, 
sich fernerhin als irregulär zu betrachten. Nicht aber erstreckt sich 
diese Heilung auf die Zeit vor der Rückkehr zur Kirche, da ja 
während derselben die Diakone aus der Gemeinschaft vollständig 
ausgeschlossen waren. Wir haben es also hier mit einer reinen 
dispensatio pro futuro zu thun. 

Die Erwägungen , welche wir an die angeführten beiden Bei- 
spiele angeknüpft haben, lassen sich bei allen Dispensationen machen, 
welche post factum erteilt wurden. Teils haben dieselben einen 
gemischten Charakter, so dass sie sich auf Vergangenheit und Zukunft 
erstrecken, teils sind dieselben solcher Art, dass dadurch nur die 
Vornahme zukünftiger Handlungen gestattet wird. Es ist also nicht 
richtig, zwischen Dispensen, die vor der That und solchen, die erst 
nachträglich erteilt werden, eine so scharfe Grenze zu ziehen, wie 



1) Hefele, 1, 223. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 47 

dies bisher üblich war. Der Beschluss des Ankyranischen Konzils 
beweist dies ganz besonders , indem er denjenigen Diakonen, welche 
sich durch Eifer und Frömmigkeit auszeichnen , die Promotion in 
höhere Weihegrade in Aussicht stellt, sie also, nachdem sie auf Grund 
einer Dispens bereits ihre Weihen wieder ausüben durften, noch weitere 
Dispensationen erhoffen lässt. Auch hier haben wir es alsdann mit 
reinen dispensationes pro futuro zu thun. 

Als Abkürzung der Strafe vor Ablauf der festgesetzten Zeit 
tritt uns die Dispensation in den früheren Jahrhunderten häufig 
entgegen. Sehr oft geschah es, dass der Bischof den Büssern einen 
Teil ihrer Busse erliess. Diese Kürzung geschah vermittelst einer 
Dispensation ad faciendum *). Cyprian berichtet, dass er den lapsi, 
die sich wieder uuter die Fahne Christi stellten, die Strafe ganz 
erlassen habe 2 ), und im Briefe an Antonian sagt er, nach den Ver- 
folgungen hätten sich die Bischöfe versammelt und die Strenge der 
Gesetze gemildert, »temperamentum salubri moderatione temperavi- 
mus« 3 ). Die Glosse zu c. 16. §. ceterum, v. suspensos, de electione in 
Vl t0 , 1, 6 bezeichnet ebenfalls eine derartige Nachsicht als dispensatio 
pro futuro, wenn sie sagt: »vere loquendo ibi poena non reraovetur, 
sed quod ius statuit, removetur«. Wenn den Gefallenen die Erlaub- 
nis erteilt wird , in ihrem Ordo zu verbleiben , dann ist es ausser 
Zweifel, dass durch diese Nachsicht die Strenge der kanonischen Dis- 
ziplin gebrochen wird, »vigor canonicae procul dubio frangitur discip- 
linae«, schreibt Papst Gregor I. an den Bischof von Mailand 4 ). Ob- 
schon die Dispensation in diesem Fall nachträglich erteilt wird, 
d. h. zeitlich derjenigen Handlung folgt, welche das Dazwischen- 



1) Deutlich findet sich diese Ansicht ausgesprochen bei den Dekretisten ; 
vgl. hierüber an anderer Stelle. Boehmer, 1. c. §. 26: »Quamvis, si verum 
fateri liceat, remittatur poena per leges ecclesiasticas alicui subeunda, et sie 
in hoc facto revera is , qui indulgentiam aeeepisse dicitur, liberetur a rigore 
legum, ne poenis promeritis se sabdere teneatur, iusta causa id suadente, quo 
facto legum observantia recte dispensatur. Ita rectissime dici potest dispensationis 
species.« Marca, 1. c. 1. 3. c. 10. n. 3; Jung, Facta dispensationum episco- 
palium, Mog. 1787, §. 21; vgl. §. 24—76; Phillips, a. a. 0. 5, 163; Suarez, 
de legibus, 1. 6. c. 10. n. 9, Opp. Paris. — 2) Ep. 54 ad Cornelium, Migne, 3, 
882; vgl. ep. 31. 1. c. 4, 321. 

3) L. c. 3, 791; vgl. ep. 20, 21; Balsamon zu c. 102 der trullanischen 
Synode: »In aliis quoque conciliis statutum est, ut qui est loci episcopus , qui 
a Sancti Spiritu gratia aeeepit potestatem ligandi ac solvendi, non ea omnia 
observet , quae de poenis a canonibus statuta sunt , sed eas raodificetur habita 
ratione personarum, quibus infligitur, eamm scilicet aetatum et affectionum et 
vita studiorum et etiam qualitatis peccati : et sie unieuique morbo afferat con^ 
venientem medicinam.« Beveridge, 1. c. 1, 281; vgl. Zonaras, 1. c. p. 282. 

4) C. 1. D. 50. 



4-8 Dispensation und Dispensalionswesen. 

treten einer Dispens notwendig macht, so ist sie doch eine dispensatio 
pro futuro, eine dispensatio infringendi canonis, indem sie im voraus 
gestattet, eine Strafe als abgebüsst zu betrachten, welche nach dem 
strengen Recht noch längere Zeit hindurch hätte getragen werden 
sollen. Von diesem Gesichtspunkte aus haben wir es also hier mit 
im voraus erteilten Dispensationen zu thun. Hinschius 1 ) ist der An- 
sicht, dass Milderungen und Aufhebungen von erkannten Strafen nicht 
als Dispensationen zu betrachten seien. Nachdem wir aber nachge- 
wiesen haben, dass nach der damaligen Auffassung als Dispensation 
jede Aufhebung von Rechtsverpflichtungen zu betrachten ist, liegt auf 
der Hand, dass wir auch den Strafänderungen und Strafaufhebungen 
den Charakter einer Dispensation beizulegen befugt sind 2 ). 

Denken wir uns ferner den Fall, dass Laien, welche der Häresie 
verfallen sind, in den Schoss der Kirche zurückkehren und nach 
ihrer Erprobung in den Klerus aufgenommen werden. Die Besei- 
tigung der Irregularität ist hier nur denkbar in der Weise , dass 
der kirchliche Obere erklärt, der Weihekandidat sei nicht mehr zur 
Beobachtung des Gesetzes, welches die Irregularität über ihn verhängt 
hat, verpflichtet. Ein solcher erhält also Dispens im voraus für den 
Empfang der Ordination , gerade wie der Bigame , der Neophyte, 
welche trotz dieser Hindernisse zu den Weihen zugelassen werden. 

Im Bisherigen haben wir unternommen, durch eine eingehende 
Untersuchung einiger regelmässig als Dispensationen post facta ange- 
führten Beispiele, den Beweis zu liefern, dass es einerseits den ge- 
schichtlichen Thatsachen nicht entspricht, zwischen den Dispensen vor 
oder nach der That so scharf zu unterscheiden, wie man dies bisher 
gewohnt war, und dass anderseits die Anerkennuug des Prinzips der 
nachträglich erteilten Dispens zugleich diejenige der im voraus ge- 
währten in sich schliesst. Allerdings ist in den erwähnten Bei- 
spielen stets eine Beziehung zur Vergangenheit vorhanden. Allein die 
Quellen bieten auch hinlänglich Anhaltspunkte dafür, dass die früheren 
Jahrhunderte Dispensationen kennen, bei denen jede Beziehung zur 
Vergangenheit fehlt, die also, ohne dass irgend welche bereits voll- 
zogene Thatsache mit im Spiele ist, die Setzung einer verbotenen 
oder die Unterlassung einer gebotenen Handlung im voraus gestatten. 

Papst Sirizius berichtet, dass bereits zu seiner Zeit von ge- 
wissen Leuten häufig Versuche gemacht worden seien, behufs Er- 
langung der Bischofswürde von ihm Dispensationen zu erhalten : 

1) A. a. 0. 3, 789 Anm. 1. — 2) Uebrigens ist dies auch die Auffassung 
der gesammten Dekretisten- und Dekretalisten-Literatur. Vgl. hierüber an 
späterer Stelle. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 49 

»Frequenter ingeruntur auribus meis, ut episcopi esse possint, qul per 
traditionem et evangelicam disciplinam esse non possunt. Quantis 
hoc aliquoties certatura est viribus ! Sed nihil tale potuit elici « 1 ). 
Aus der Weigerung des Papstes, solchen iftsc/ao/skandidaten die 
erbetene Dispensation zu erteilen, lässt sich aber keineswegs folgern, 
dass er auch für die Priester-, Diakonats- und Subdiahonatsweihe 
die Dispens versagt haben würde. Denn wer das maius zu geben 
verweigert, schliesst damit noch lange nicht die Gewährung des 
minus aus. Ferner, wollte jemand, der rechtlich dazu unfähig war, 
die der Bischofsweihe untergeordneten Ordinationsgrade erhalten, so 
wandte er sich nicht an den Papst. Hierin war eben der Bischof damals 
die kompetente Behörde. Dieser erteilte solchen Weihekandidaten Dis- 
pensation, und zwar in der Regel im voraus, wenn auch stillschwei- 
gend. Man kann also nicht entgegenhalten , dass die Weigerung 
des Papstes sich auf alle Weihegrade bezieht. Durch das Zitat wird 
aber auch der Gedanke angeregt, dass das minus d. h. die Erteilung 
von Dispensationen für die unter dem Episkopat stehenden Weihe- 
grade, gebräuchlich gewesen sein muss , denn nur unter dieser Vor- 
aussetzung konnten sich die von Sirizius getadelten Petenten von 
ihrer nach Rom gerichteten Bitte einen Erfolg versprechen. Dass 
solche Dispensationen gerade auf dem Gebiete des Ordinationswesens 
keine Seltenheit waren, beweist ja klar und deutlich der zweite Kanon 
des Konzils von Nizäa, wenn er sagt: »IloXXa tjtoi Gtcö avayxTjg tj aXXux; 
srceiyo/jievcuv tü>v ötv{)pa>7i(ov syevsto Tcapa tov xavöva töv IxxXyjaia- 
cmxöv« 2 ). 

Dispensationen vom Fasten- und Abstinenzgebot finden sich seit 
Frühem in der Kirche, besonders nachdem die Fastenzeit ver- 
längert worden war. Chrysostomus berichtet, dass man zu seiner 
Zeit hierin sich selbst dispensierte 3 ). Diese Angabe ist ohne Zweifel 
so zu verstehen, dass man in Fällen, wo Schwäche des Körpers oder 
sonstige Not vorlag, nicht notwendig hatte, vorher die Erlaubnis 
der kirchlichen Obern einzuholen, denn derartige Gründe entbanden 
von jeher von der Beobachtung der betreffenden Gebote 4 ). Wenn 
nun das Konzil von Gangra 5 ) die Selbstdispensation ausdrücklich 
verwirft, und der hl. Basilius diejenigen, welche sich ohne Grund 
dispensieren, mit den schwersten Strafen bedroht 6 ), so ist damit zu- 

1) Ep. 6. n. 3, Coustant, 1. c. 1, 661. 

2) Hefele, 1, 377. — 3) Homilia 4, Migne, 63, 598. 

4) Augustinus, Sermo 209, Migne, 38; vgl. Linsenmeyer, Die Ent- 
wicklung der kirchlichen Fastendisciplin bis zum Konzil von Nicäa, München 
1877, S. 133 ff. — 5) G. 19, Hefele, 1, 787. — 6) Oratio II. de ieiunio, Migne, 

31, 186. 

4 



50 Dispensation und Dispensationswesen. 

gegeben, dass eine Dispensation durch den Obern als zulässig er- 
achtet wurde. Um nicht bestraft zu werden, bedurfte man also einer 
Dispensation, und diese Dispensen waren um so häufiger, als die 
Fastengebote damals viel strenger waren als früher *). So benötigte 
man z. B. , um Eier, Milch und Wein während der Fastenzeit ge- 
messen zu dürfen, stets der kirchlichen Erlaubnis. Die Dispensa- 
tionen, von denen hier die Rede ist, sind lauter Dispensen, die im 
voraus erteilt werden. Von Bischof Timotheus von Alexandrien, 
einem Schüler des hl. Athanasius, sind uns »Kanonische Antworten« 
erhalten; unter ihnen befindet sich die Frage, ob eine Frau, welche 
geboren hat, oder ein Kranker zur Beobachtung der Fastengebote 
verpflichtet sei. In beiden Fällen lautet die Antwort : Nein , arco- 
Xuexai. Hiezu bemerkt Balsamon, dass es solchen Personen ge- 
stattet sei, Wein und Fleisch zu gemessen »xaxa ttjv xpi'oiv xou oixo- 
voiioovxo<z« 2 ). Einen merkwürdigen Fall einer Fastendispens berichtet 
Sozomenos 3 ). Zu Sphiridion, dem Bischof von Trimithus auf Cypern, 
kam einstens während der Fastenzeit ein Fremder in grösster Er- 
müdung. Da der Bischof gerade keine andere Speisen zur Hand 
hatte als gesalzenes Schweinefleisch, setzte er dasselbe seinem Gast 
vor und ass auch selbst davon. Zu Gunsten der Gastfreundschaft 
machte Sphiridion also eine Ausnahme von der Regel 4 ). 

Einen weiteren Beweis für die Richtigkeit unserer Ansicht, dass 
bereits vor dem X. Jahrhundert im voraus Dispensen erteilt wurden, 
erblicken wir in dem Umstand, dass die Aussprüche über das Dis- 
penswesen, wie sie bereits an früherer Stelle 5 ) Erwähnung gefunden 
haben , die vor der Tha't erteilten Dispensen eben so gut umfassen 
als diejenigen, welche post factum gewährt werden. Wir haben ge- 
sehen, dass Gyrill 6 ), Augustinus 7 ), Leo I. 8 ), Gelasius 9 ), Gre- 
gor I. 10 ) und Johann VIII. 11 ) auch die vor der beabsichtigten Hand- 
lung erteilte Dispensation in den Kreis ihrer Betrachtung ziehen. 



1) Traue des dispenses du careme, Paris, 1709, p. 239 s. : »Les dis- 
penses ne consistaient donc pas seulement en ce qu'on permettait de faire 
gras, la seule chose sur laquelle on demande aujourd'hui des permissions; 
mais alors que tout etait respectable daiis la religion, on se faisait une loi de 
ne se rien permettre sans Tavis des superieurs. Non seulement la liberte d'user 
plus ou moins et ä certaines heures de certains alimens faisait la matiere des 
dispenses; on demandait comrae autant de graces les permissions d'user le lait, 
d'oeufs et du vin.« 

2) Migne, 33 1503. — 3) Hist. eccl. 1. 11, Migne 67, 885. — 4) Vgl. 
Linsenmvier, a. a. 0. S. 136; Tratte des dispenses du careme, p. 338. — 
5) §. 3 und 5 der Abhandlung. — 6) S. 20 f. — 7) S. 23. — 8) S. 28. — 
9) S. 29 f. — 10) S. 32 f. — 11) 8. 33 f. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 51 

Die Glosse zu v. ordinentur c. 7. C. 1. qu. 7 sagt ganz richtig: »Or- 
dinentur, id est ut promoveantur vel ordinentur, si ante non fuerint or- 
dinati vel forte extra forraas ecclesiae«. Die Unterscheidung zwischen 
Dispensationen ad faciendura und post factum begegnet uns zum ersten 
Mal in der Summe Rufins, woselbst er sagt: Item notandum est, ut eum 
dispensatio admittatur, aliquando in factis aliquando in faciendis.« 
Dabei erwähnt er in keiner Weise, dass die Praxis seiner Zeit von 
der früheren abweiche 1 ). Gleichsam zusammenfassend, wollen wir 
hier noch ein Argument erwähnen , das allen den oben erwähnten 
Aussprüchen über die Dispensation gemeinsam ist. Die Beispiele 
von Dispensationen , welche jene Autoren und Päpste anführen , um 
dem Dispensweseu eine biblische Grundlage zu geben, sind mit nur 
ganz geringer Ausnahme lauter solche , in denen die Erlaubnis zu 
einer beabsichtigten Handlung der That selbst vorausgeht oder als 
vorausgehend angenommen wird. Sollten nun gerade solche Bei- 
spiele dazu dienen, um zu beweisen, dass Dispensationen ganz 
derselben Art gar nicht vorgekommen seien? Ein solcher Schluss ist 
offenbar widersinnig; vielmehr folgt daraus, dass das Prinzip der 
in antecessum erteilten Dispensation ebenso anerkannt und prak- 
tisch gehandhabt wurde wie dasjenige der post factum gewährten. 
Beide Kategorieen von Dispensen kamen von vornherein neben ein- 
ander vor. 

In einem Brief des Papstes Martin I. ist das Prinzip der Dis- 
pensation pro futuro so deutlich ausgesprochen, dass kein Zweifel 
mehr in dieser Frage herrschen kann. Daselbst heisst es : »Novit 
canon afflictorum temporura persecutionibus veniam tribuere, in quibüs 
contemptus non praecessit, praevaricationem redarguens, sed angustia 
magis et penuria, quae propter necessitatem ex misericordia cogit 
multam diligentiam praetermittere« 2 ). Hiernach schliesst der Papst 
keineswegs diejenigen Fälle aus, in denen vor vollbrachter That 
Dispens verlangt wird, indem er sagt, dass die Not manchmal 
zwingt, von der Anwendung der vollen Strenge des Gesetzes Abstand 
zu nehmen, im Gegenteil, gerade dann, wenn öoniemptus präecessit, 
wenn also die Uebertretung bereits geschehen ist, soll von Dispen- 
sation keine Rede sein. In denjenigen Fällen dagegen, »in quibus 
angustia et penuria praecessit«, da ist der kirchliehe Obere zur Dis- 
penserteilung verpflichtet. Eine derartige Sprache im Munde des 
höchsten Dispensators lässt sich doch wohl nur erklären, wenn man 
anerkennt, dass die im voraus erteilten Dispensen nicht zu den Sel- 

1) Eid. Schulte, Giessen, 1892, p. 206, zu c. 5. C. 1. qu. 7. 

2) Marisi, 10, 811; vgl. S. 33. Anm. 3. 

4* 



52 Dispensation und Dispensationswesen. 

tenheiten gehörten, wie man es bis jetzt zu glauben gewohnt war. 
Ueberdies gilt das Zeugnis dieses Papstes nicht allein für seine Zeit, 
sondern er sagt selbst, dass das Recht diese Dispensen längst aner- 
kannt hätte: -»Novit canon veniam tribuere«. Die Bedeutung sol- 
cher im voraus gewährter Dispensen findet der Papst darin, dass 
sie die Uebertretungen des Gesetzes verhüten. In dieser Beziehung 
ist Thomassin ganz anderer Ansicht, wenn er behauptet, dass die 
Dispensen ante factum die Begehung einer Sünde gestatten 1 ), und 
aus diesem Grunde ihre Erteilung eine so grosse Seltenheit war. 

Namentlich ist es ein Institut, das wir nur auf Grund einer 
dispensatio ante factum erklären können, nämlich die Versetzung eines 
Bischofes in eine andere Diözese, die sog. Translation. Es war da- 
mals die Rechtsanschauung herrschend, dass eine Versetzung mit 
Genehmigung der Provinzialsynode stattfinden konnte 2 ). In jedem 
einzelnen Fall sollte genau untersucht werden, ob eine causa die 
Notwendigkeit oder Nützlichkeit hinreichend begründete und die 
Versetzung so zulässig wäre. Eine Entbindung von der rechtlichen 
Vorschrift war also nicht mehr notwendig, da auf dem Wege der 
restriktiven Interpretation erklärt wurde , das Verbot hätte von 
vornherein den fraglichen Fall gar nicht ergreifen wollen. So ur- 
teilt die heutige Theorie. Die zeitgenössische Auffassung ist aber eine 
andere, und da wir die geschichtliche Entwicklung eines Rechts- 
instituts untersuchen, so müssen wir diese unserer Darstellung zu 
Grunde legen und dürfen Auffassungen späterer Zeit in eine frühere 
nicht hineintragen. Die Versetzung des Bischofs Euphronius von 
Koloniä nach Nikopolis bezeichnet der hl. Basilius als „oixovojxia 
xocAtj" 3 ) , indem er darauf hinweist , dass die durch die Translation 
zu erwartenden Vorteile die Zulassung einer Ausnahme von dem 
Verbot 4 ) hinreichend motivieren. Sokrates erwähnt in seiner Kirchen- 
geschichte allein 11 Beispiele von Versetzungen 5 ). Wir halten es 



1) L. c. c. 24. n. 20: »In leges committere volunt nee peccare ; iramo 
peccare volunt, sed non sine licentia; pontifices ipsos, iudices legesque flagitii 
sui invidia conspergere volunt.« Die von Thomassin zum Beweise seiner An- 
sicht angeführte Stelle aus einer Dekretale des Papstes Sirizius besagt nur, 
dass der Papst den Bischöfen verbietet, die Kanones zu verletzen, weiter gar 
nichts. Dasselbe gilt von dem zweiten Zitat aus einem Schreiben von In- 
nozenz I. 

2) Hinschius, a. a. 0. 3, 306 ff. - 3) Vgl. S. 21. Anra. 3. — 4) Vgl. Dis- 
sertatio de translatione episcoporum, bei Schmidt, Thesaurus iuris ecclesiastici, 
Heidelberg. 1774, 3, 30 sqq.; Synode von Arles (314), c. 2, He feie, 1, 205; 
c. 15. Nicäa, Hefele, 1, 410; c. 15 (14) Apostolorum, Hejele, 1, 804. — 5)5, 8. 



Geschichtliche E7iiwicklung bis zum IX. Jahrh. oo 

nicht für notwendig, auf diese Frage des weiteren einzugehen. Für 
uns ist nur wichtig, dass nach der damaligen Anschauung die Ver- 
setzung von Bischöfen in andere Bistümer sich auf dem Wege einer 
Dispensation vollzog, und zwar war dies eine Dispensation ad fa- 
ciendum. 

Tu unserer Ansicht werden wir ferner bekräftigt, wenn wir das 
entwickelte Dispenswesen in Betracht ziehen, wie es uns im römischen 
Staat entgegentritt, von dessen Recht die Kirche bei der Bildung 
und Durchführung ihrer Rechtsordnung offenbar beeinflusst war. Die 
Römer kennen, abgesehen von der auf dem Gebiete des Strafrechts 
und der als restitutio in integrum gebräuchlichen Dispensation, die 
dispensatio nur als Ausnahme , die im voraus erteilt wird. Hierher 
gehören z. B. die Entbindung einer Witwe von der Beobachtung des 
Trauerjahres, die venia aetatis, die Gestattung der Adoption seitens 
einer Frau, die Erlaubnis der testamenti factio für eine rechtlich 
hiezu unfähige Person, die vielen Ehedispensen, welche in der Regel 
nur vor Eingehung der Ehe gewährt wurden. Es sei gestattet, an 
dieser Stelle ein Dispensreskript *) zu erwähnen, welches uns Cassiodor 
in seinen Variae überliefert hat, einer Sammlung von Instruktionen 
und Formularen. Das Reskript stammt aus der Regierungszeit Theo- 
dorichs des Grossen und bietet einen interessanten Einblick in die 
Auffassung, welche man damals von der Dispensation hatte: »Tnsti- 
tutio divinarum legum humano iuri ministrat exordium , quando 
in illis capitibus legitur praeceptum , quae duabus tabulis pro- 
bantur ascripta. Sacer enim Moyses divina institutione formatus 
israelitico populo inter alia definivit, ut concubitus suos a vicini- 
tate pii sanguinis abstinerent, ne et se in proximitatem redeundo 
polluerent et dilatationem providam in genus extraneum non habe- 
rent. Hoc prudentes viri sequentes exemplum multo longius pudicam 
observantiam posteris transmiserunt , reservantes principi tantum 
beneficium, consobrinis nuptiali copulatione iungendis: intelligentes 
rarius posse praesumi, quod a principe iusserant postulari. Admiramur 
inventum et temperiem rerum stupenda consideratione laudamus, hoc 
ad principis fuisse remissum iudicium, ut qui populorum mores rege- 
bat, ipse et moderata concupiscentiae frena laxaret. Et ideo suppli- 
cationum tuarum tenore permoti , si tibi tantum illa consobrini 
sanguinis vicinitate coniungitur nee alio gradu proximior approbaris, 
matrimonio tuo decernimus esse sociandam nullamque vobis exinde 



1) Monumenta Germaniae historica, Berol. 1894, Var. 1. 7. form. 46, 
p. 225 sq. 



54 Dispensation und Dispensationswesen. 

iubemus fieri quaestionem ; qaando et leges nostra permitti voluntate 
consentiunt et vota vestra praesentis auctoritatis beneficia firraa- 
vevunt. Brunt vobis itaque Deo favente posteri solemniter haeredes> 
castum matrirnoniuin, gloriosa perrnixtio, quoniam quidquid a nobis 
fieri praecipitur, necesse est, ut non culpis sed laudibus applicetur.« 
In diesem Reskript gestattet Theodorich die Ehe zwischen verwandten 
Personen. Da die Kirche in diesen Zeiten sich nach den weltlichen 
Ehegesetzen richtete, so müssen wir daraus den Schluss ziehen, dass 
sie solchen auf Grund staatlicher Dispensation zu Stande gekommeneu 
Verbindungen die Anerkennung vor ihrem Forum nicht versagte. Dies 
änderte sich , als die Kirche anfieng , die Ehe nach eigenen Grund- 
sätzen zu regeln 1 ). In verwandtschaftlichen Graden liess man Ehen 
überhaupt nicht mehr zu ; waren solche trotzdem eingegangen , so 
mussten sich die Eheleute trennen , sofern das Hindernis nicht den 
vierten Grad überstieg. Allein wir brauchen Ehedispensen nicht 
ausschliesslich auf dem Boden der Blutsverwandschaft oder der 
Schwägerschaft zu suchen. Ehedispensen sind auch möglich für das 
Hindernis der Busse, der geschlossenen Zeit, des Trauerjahres u. s.w., 
und aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Kirche bei diesen Impe- 
dimenten vor einer Dispensation nicht so sehr zurückgeschreckt wie 
in den Fällen, wo es sich um Consanguinität oder Affinität handelte. 
Leo der Philosoph, der im J. 886 den byzantinischen Kaiserthron 
bestieg, sagt in der 109. Novelle, dass der Kaiser zur Eingehung 
der Ehe vor der vorgeschriebenen Zeit sehr oft Dispens zu ertheilen 
und die priesterliche Eiusegnung zu gestatten pflege 2 ). Dieses 
Zeugnis ist für uns äusserst wichtig. Wir ersehen daraus, dass die 
orientalische Kirche, welche sonst mit der grössten Strenge auf dem 
Verbot der Ehen zwischen Verwandten und Verschwägerten beharrte, 
trotzdem, wo andere Hindernisse zu beseitigen waren, sich gnädig 
und milde gezeigt hat. Dies gilt ganz analog auch von dem Oc- 
cident. Auf diese Weise eröffnet sich also für die Dispensationen 
vor der That ein grosses Gebiet, auf dem dieselben, wie auf dem 
der Ordination, ohne Zweifel sehr gebräuchlich waren. 

Nicht allein das römische, auch das fränkische Recht kennt die 
Dispensation als die im voraus erteilte Entbindung von einer gesetz- 
lichen Vorschrift. Es ist bekannt, dass die fränkischen Könige kraft 



1) Vgl. §. 14. — 2) »Et 81 ßaatXsüs, o!a nolla ou;j.ßaivei rcpaxxojv oixovopiav 
xtva xat ;j.v7]aTEiav xat x/]V e£ teppXoyia; auvapjJKXJtv rote, [j-vrjircEuojjivcH; IvSov xwv Sco- 
ptafrsvxwv exeov l7tt'lr]<pis!xai, touxü 7tpo? xbv v<5jj.ov ouoev avxixsiaexat.« Zhismann, a. 
a. 0. S. 150. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 55 

ihres Dispensatiousrechts nach Belieben Befreiungen und Privilegien 
erteilten 1 ). 

Als im voraus gewährte Dispensen könnten wir hier noch 
erwähnen die Erteilung von Privilegien und Exemptionen, welche alle 
nach dem damals herrschenden Begriff als Dispensationen za be- 
trachten sind. Allein es kommt uns hier lediglich darauf an, nach- 
zuweisen, dass die Dispensation in ihrer heutigen Bedeutung als 
Aufhebung der Wirksamkeit eines Rechtssatzes in Einzelfällen wäh- 
rend der Zeit vor dem XL Jahrhundert auch in der Form gebräuchlich 
war, dass sie vor der beabsichtigten Handlung gestattet wurde. 

Es bleibt uns noch übrig, die Beispiele von im voraus erteilten 
Dispensen zu erwähnen, welche von der Geschichte uns überliefert 
worden sind. Der hl. Ambrosius wurde zum Bischof von Mailand gewählt 
zu einer Zeit, wo er noch ungetauft und Laie war. Er erhielt 
zugleich die Taufe und die Bischofsweihe. All sein Weigern half 
nichts ; er musste nachgeben. »Ordinationem meam occidentales 
episcopi iudicio, orientales etiam exemplo probarunt«, sagt er selbst, 
et tarnen neophytus prohibetur ordinari, ne extollatur superbia. Si 
dilatio ordinationi defuit, vis cogentis est; si non deest humilitas 
competens sacerdotio, ubi causa non haeret, vitiura non impugnatur« 2 ). 
Erklärt er sich mit diesen Worten nicht selbst bereit, unter 
gewissen Bedingungen Dispens zu erteilen, wenn es sich um die Weihe 
eines Neophyten handelt? Auf Drängen des greisen Bischofs Valerius 
von Hippo und des gesammten Volkes wurde Augustinus zum Bischof 
dieser Stadt geweiht, da man ihn allein für die geeignete Person 
hielt 3 ), und doch war seine Ordination dem Rechte zuwider, das 
ausdrücklich verbot, dass ein Bischof noch zu seinen Lebzeiten seinen 
Nachfolger bestimme, und dass in einer Diözese zwei Bischöfe seien. 
Origenes erhielt trotz des Vorhandenseins zweier Impedimente die 
Priesterweihe: er war Angehöriger einer fremden Diözese und ausserdem 
Eunuch 4 ). Diese unkanonische Weihe blieb unangefochten, so sehr 
auch des Origenes Ordinarius, Demetrius von Alexandrien, dagegen 
war 5 ). Timotheus von Alexandrien (f 385) weihte den Abt Ammonius, 
der »ob auriculae spontaneam amputationera« irregulär war, zum 
Bischof. Bei der Weihe sagte Timotheus: »Outoc 6 vo/jioc rcapa 

IouöaiOtC 7tOÄLT£U£Ofrü> . IjJlOt <3e XOCl piVOTJJlYjTOV SOtV ivljX7]T£ , JXOVGV 



1) Schröder, Lehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte, Leipzig 1894, 
S. 117; Brunner, Deutsche Rechtsgeschichte, Leipzig, 1892, 2, 215. 

2) c. 9. D. 61; Sozomenos, Hist. eccl. 6, 24. — 3) C. 12. C. 7. qu. 1. 

4) Vgl. Vita S. Augustini, auctore Possidonio, c. 4. Migne, 22, 36. 

5) Eusebius, Hist, eccl. 6, 23, Migne, 20, 576, Anra, 46. 



56 Dispensation und Dispensationswesen. 

ocfciov toIc xpÖTroic ovxa x £t P 0T0V( ? <<: *)• Theodor et schreibt iu seinem 
Brief an Domnus, den Bischof von Antiochien, dass er betreffs der 
Ordination der Bigamen einer alten Gewohnheit folge. Sein Vor- 
gänger auf dem Bischofsstuhle von Cyrus sowie der Bischof Praylus 
von Cäsarea hätten sehr oft Bigame geweiht. Aber nicht blos von 
der Bigamie seien Dispensationen erteilt worden, sondern auch in 
andern Fällen (multa etiam alia huiusmodi) habe Proklus, der 
Bischof von Konstantinopel, sich Dispensationen erlaubt, wie auch 
alle Bischöfe der Provinzen Pontus und Palästina. Warum sollte 
man auch nicht, fragt Theodoret, zu Gunsten eines Mannes, wenn 
dessen Weihe das eine oder andere rechtliche Hindernis entgegen- 
steht, Ausnahmen von dem strengen Recht machen, vorausgesetzt, 
dass ihn sonst seine Eigenschaften hinreichend empfehlen 2 )? Von 
demselben Proklus berichtet Sokrates 3 ), dass er ohne weiteres einen 
Senator, namens Thalassius, zum Bischof von Cäsarea geweiht habe. 
Das Volk hatte ihn auserwählt und verlangte seine Taufe (eti 
yap ajxuYjToc 7Jv). Thalassius erhielt alsdann zugleich die Taufe und 
die Priesterweihe : »ajxa de i/ji07J{b] xal ttjv x £t P0TGvtav rcaplXaße«. 
Wir sehen also hier die Thatsache bestätigt, dass es der damaligen 
Kirche nicht darauf ankam, dass das Gesetz dem Buchstaben 
nach streng durchgeführt würde. Es hätte ihr offenbar den grössten 
Schaden gebracht, wenn sie rein aus Liebe zum starren Gesetz 
die fähigsten und tüchtigsten Männer von den kirchlichen Würdeu 
ausgeschlossen hätte. In solchen Fällen machte man eben Aus- 
nahmen von der Regel vermittelst der Dispensation. Nikephorus 
Kallista erzählt, dass ein gewisser Synesius, obgleich er einigen 
platonischen Lehren nicht entsagen wollte, dennoch »xax' oixovojnav« 
zum Priester geweiht worden sei, da derselbe durch seinen Eifer und 
seine Tüchtigkeit der Kirche von grossem Nutzen sein konnte 4 ). 

Das II. Konzil von Konstantinopel machte den Prätor Nektarius 
zum Bischof dieser Stadt. Trotzdem von den Gegnern auf das Gesetz- 
widrige dieser Weihe hingewiesen wurde, glaubte man doch, in diesem 
Fall zur Gewährung einer Ausnahme befugt zu sein, da allgemein 
Nektarius für diejenige Persönlichkeit gehalten wurde, die aliein 
uuter den damaligen Umständen zur Leitung der Kirche Konstan- 
tinopels fähig war 5 ). Die Synode richtete nachher an den Papst ein 



1) Palladius, Hist. Laus. c. 12. p. 914, Migne, 23, 1205. 

2) Sirmond, Maxapiou ©eoSopftou tou ItcicjxÖ7cou Küpou arocvxa, Paris. 1642, 
ep. 110, 3, 980. — 3) Hist. eccl. 1. 7. c. 48. — 4) L. 14. c. 55, Migne, 146, 
1258. — 5) Socrates, 1. c. 1. 7. c. 8; Sozomenos, 1. c. 1. 7. c. 8. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum iX. Jahrh. o7 

Schreiben , in welchem diese Wahl gerechtfertigt wurde J ). Wie 
Gregor von Nazianz berichtet, weihten die Bischöfe der Provinz 
Kappadozien einen Laien zum imoxorcog 3 ). Das I. Konzil von 
Ephesus (431) gestattete dem Erzbischof Eustathius, auf sein Bistum 
zu verzichten und die Würde und den Titel eines Bischofs bei- 
zubehalten, obgleich dies damals strengstens verboten war 3 ). Durch 
den Einfluss des Sidonius Apollinaris (f ca. 482) wurde Simplizius, 
ein Laie, auf den Bischofsstuhl von Bourges erhoben. In der zu 
Gunsten seines Kandidaten gehaltenen Rede hob Sidonius es als einen 
Vorzug desselben hervor, dass er über den Parteiungen stehe, und 
dies desshalb eine Abweichung von der Regel genügend recht- 
fertige 4 ). 

J. J. 494 gab Papst Gelasius den Bischöfen von Lukanien, 
Bruttium und Sizilien die Fakultät, für so lange von der Einhaltung 
der beim Weiheempfang vorgeschriebenen Interstizien Dispensationen 
zu erteilen, als bis dem herrschenden Priestermangel abgeholfen sei. 
Laien durften innerhalb achtzehn Monaten, Mönche innerhalb eines 
Jahres bis zum Presbyterat aufsteigen 5 ). Der Papst nennt diese 
Nachsicht, welche die spatia als dispensanda erklärt 6 ), eine »dispen- 
satio coelestis 7 ).« 

C. 7. D. 34 enthält ein Dispensdekret für einen Bigamen , er- 
lassen seitens des Papstes Pelagius 8 ). 

Im 3. Kanon des I. Konzils von Toledo heisst es, dass der 
Lektor, welcher eine Witwe heiratet, auf seine Würde zu verzichten 
hat. Martin von Braga hat diese Bestimmung als Kanon 43 in 
seine Sammlung aufgenommen, jedoch mit einem Zusatz, der für 
uns sehr wichtig ist: »Aut si forte necessitas sit, subdiaconus fiat; 

1) Theodor et, Hist. eccl. 1. 5. c. 8; vgl. Fuchs, Bibliothek der Kirchen- 
versammlungen, Leipzig, 1781, 2, 42; Nektarius wurde nicht vom Kaiser er- 
nannt, wie Löning a. a. 0. 1, 128 annimmt, sondern von der Synode gewählt, 
vgl. Staudemaier, Geschichte der Bischofswahlen, Tüb. 1830, S. 36 f. 

2) Sermo 19, Migne, 35, 1062. — 3) Im Briefe der zu Ephesus versam- 
melten Konzilsväter an die Synode der Provinz Pamphylia heisst es : Suv7]X- 
y7J<ja[xev cbravTe; tw ^peapütr],« Beveridge 1 c. 1, 106. Hiezu bemerkt Balsamon, 
1. c. p. 107 : Dies sei auf Gvund einer Dispensation geschehen. Manche ver- 
langen nun dieselbe Nachsicht, sie kann ihnen aber nicht gewährt werden. 
Quod enim a patribus definitum est, ex dispensationis gratia ratione definitum 
est; et non opportet, quod per dispensationem propter aliquid utile introductum 

est, ad exemplum trahi et tanquam canonem deinceps valere Porro et 

hanc dispensationem existimo non inconsiderate factam esse.« Vgl. hiezu auch 
die Scholie von Zonaras, 1. c. p, 109 sq. — 4) Ep. 7. c. 9. — 5) Thiel, 1. c. 
c 2. p. p. 362; vgl. S. 32 f. — 6) S. 31. — 7) Thiel, 1. c. c. 9. p. 364 — 
8) Vgl. S. 32. 



58 Dispensation und Dispensationswesen. 

nihil autem supra. Similiter et si bigamus fuerit *).« Wo also die 
Not die Weihe eines Bigamen verlangt, darf der Bischof im voraus 
dispensieren. Da die IL Synode von Braga (572) die Kanonen- 
sammlung Martins anerkannt hat, so folgt daraus, dass die Er- 
teilung solcher Dispensen zum voraus die Zustimmung der Synode 
hatte. 

Aus den Schriften Gregors des Grossen lassen sich viele Bei- 
spiele dafür erbringen, dass zu seiner Zeit die im voraus erfolgende 
Gewährung von Dispensen schon längst gebräuchlich war. Gregor 
erteilte dem Abt Probus von St, Andreas die Fakultät , über 
seine Hinterlassenschaft ein Testament zu errichten. Dieser hatte 
ihn gebeten : »Fas mihi sit de omnibus rebus meis voluntatem raeam 
disponere.« Gregor willfuhr seiner Bitte 2 ). Demselben Papst 
klagte ein italienischer Bischof die infolge des starken Priester- 
mangels in seiner Diözese herrschende Not. Als Abhilfe derselben 
schlug er vor, von den Mönchen seines Sprengeis sich geeignete her- 
aussuchen und zum Priester weihen zu dürfen. Daraufhin antwortete 
der Papst, dass der Erteilung solcher Dispensationen nichts im Wege 
stehe 3 ). Hierher gehören auch die Dispensen von der Residenz- 
pflicht, welche Gregor den Aebten gewährte für den Fall, dass es 
sich um eine Romreise handelte 4 ). Nicht selten erhielten auch 
Bischöfe solche Dispensationen 5 ). Ganz besonderer Erwähnung ver- 
dient aber hier die von demselben Papst den Engländern erteilte 
Dispens, auf Grund welcher er ihnen die Ehen zwischen Geschwister- 
enkeln freigab 6 ). Diese Dispensation war etwas ganz Neues , etwas 
Aussergewöhnliches, nicht deswegen, weil sie im voraus die Setzung 
sonst verbotener Handlungen gestattete, sondern weil sie sich auf 
das Gebiet des Eherechts erstreckte, auf dem man bis jetzt die 
allergrösste Strenge anzuwenden gewohnt war. Dieser Umstand ist 
auch ohne Zweifel die Veranlassung gewesen zu dem Pseudobrief- 
wechsel zwischen Gregor und Bischof Felix von Messina. Mögen 
die beiden Briefe auch gefälscht sein , immerhin spiegelt sich darin 
die Anschauung jener Zeit ab, in welcher sie entstanden, und diese 
fällt offenbar nicht viel später als die Regierung Gregors. Die 



1) Voelli et Justelli, 1. c. 1, XXIV. — 2) Opp. , 1. c. 9, 16 (appendix 
ad epistolas). — 3) L. c. 1. 5 ep. 27: »Praesentibus vobis licentiam daraus epi- 
stolis, raonachos de monasteriis in tua parvocia positis cum consensu abbatis 
sui tollere et presbyteros ordinäre.« — 4) L. 8. ep. 15, 1. o. 8, 18. — 5) L. c. 
L. 9. ep. 48, 8, 83. — 6) L. 11. ep. 64, 1. c. 2, 1154: »ünde necesse est, ut 
iam tertia vel quarta generatio fidelium licenter inter se iungi debeat. Nara 
secunda, quam diximus, a se omnimodo debet abstinere.« 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 59 

Nachsicht, welche der Papst deD Engländern gewährt habe, schreibt 
Felix, sei in seiner Diözese nicht bekannt. Von Alters her gelte das 
Eheverbot der Verwandtschaft bis zum siebenten Grad ; von einer 
Abweichung finde sich in den Dekretalen früherer Päpste keine 
Spur 1 ). In dem gefälschten Antwortschreiben hierauf weist der 
Papst darauf hin, dass die dem Augustinus erteilten Dispensfakul- 
täten sich uur auf die neubekehrten Engläuder beziehen. Er habe 
dem Druck der Verhältnisse nachgegeben, damit das englische Volk, 
das eben erst für die Kirche gewonnen worden sei, durch allzustrenge 
Handhabung der Gesetze nicht vom Christentum zurückgestossen 
würde. Er habe hier keine Vorschrift, sondern einen Rat, keine 
allgemeine Regel, sondern nur eine vorübergehende Ausnahme zuge- 
lassen, da von zwei Gefahren diejenige am leichtesten zu ertragen 
und darum vorzuziehen sei, welche am wenigsten Schaden verursache 2 ). 
In seiner Biographie Gregors sagt Johannes Diakonus, dass der 
Papst diese Ausnahme dispensatorie zugelassen habe, und fügt hinzu: 
»Haec ergo idcirco perstringenda curavi, ut hi, qni occasione novae 
dispensationis illicita matrimonia contrahant, eruditissimum Papam 
Gregorium non regulariter qnartae generationis copulam censuisse, 
imo venialiter simulque temporaliter permisisse cognoscunt 3 ). In 
demselben Sinne spricht sich hierüber aus Johannes von Orleans in 
seinem Liber de institutione laicali 4 ). Das Aussergewöhnliche an 
dieser den Engländern gewährten Dispensation ergiebt sich auch 
aus einem Brief des hl. Bonifatius an den Erzbischof Nothelm von 
Kanterbury. In diesem Briefe bittet der Apostel der Deutschen um 
Uebersendung des Antwortschreibens, das Gregor I. an den heiligen 
Augustinus betreffs der von diesem gestellten Fragen gerichtet hatte. 
Bonifatius bezweifelt nämlich dessen Echtheit, da in der römischen 
Kanzlei kein Exemplar desselben mehr aufzufinden sei 5 ). 

Den neubekehrten Germanen gewährte Papst Gregor II. auf 
Bitten des hl. Bonifatius (726) eine Dispensation, welche derjenigen 
ähnlich ist, die einst die Engländer von Gregor dem Grossen erhalten 
hatten. Mit Rücksicht darauf, dass die Deutschen erst kurze Zeit 
den Glauben der Kirche angenommen, wurde ihnen nämlich die 
Abschliessung von Ehen im V., VI. und VII. Grade der Blutsver- 



1) Mansi, 12, 224; Jaffe, n. 1843; vgl. Preisen, a. a. 0. S. 380, 
Anm. 26. - 2) Opp. Gregorii Mag. 1. 14. ep. 17 = c. 20. C. 35. qo. 2. 

3) Lib. 2. Sancti Gregorii Papae vitae, Opp. Greg. 1. c, 15, 308. 

4) L. 2. c. 8, Dachery, Spicilegium , 1, 284; vgl. Petrus Damianus, 
Tractatus de parentelae gradibus, c. 7, Opp. Paris. 1642, p. 80 sq. 

5) Jaffe, Monumenta Moguntiana, Berol. 1866, p. 96. 



60 Dispensation und Dispensalionswesen. 

wandtschaft gestattet, »quia temperantia raagis et praesertim in tarn 
barbaram gentera placet plus quam districtione censurae, concedendum 
est , ut post quartam generationem iungantur« x ). Nach der Auf- 
fassung Freisens 2 ) enthält diese Verordnung Gregors II. keine Dis- 
pensation, sondern sie gehört in die Lehre von der Entwickelung des 
Ehehindernisses der Verwandtschaft. Dies ist offenbar nicht richtig. 
Bonifatius verlangte jedenfalls nicht eine dauernde Milderung der 
römischen Ehegesetze überhaupt, sondern nur eine vorübergehende 
Nachsicht, und so sehen wir, dass Gregor III. i. J. 732 diese 
Dispens zurücknahm, indem er an den hl. Bonifatius schrieb: 
»progeniem vero suam unumquemque usque ad septimum observare 
decernimus gradum« (c. 16. C. 35. qu. 2) 3 ). Es ist also die betreffende 
Ausnahme eine Dispensation, eine »temperantia districtionis censurae«, 
wie sich Gregor II. selbst ausdrückt. 

In der Biographie des hl. Bonifatius berichtet Willibald, dass 
derselbe sich weigerte, der Nachfolger des hl. Willibrord zu werden 
unter Hinweis darauf, dass er das vorgeschriebene Alter noch nicht 
hätte. Zur Beseitigung dieses Hindernisses hielt er eine Dispensation 
des hl. Stuhles für notwendig und gieng nach Rom, um persönlich 
eine solche nachzusuchen. Sie wurde ihm auch gewährt 4 ). Eine 
zweite Dispensation wurde Bonifatius i. J. 748 zu teil , indem 
Zacharias I. ihm auf seine Bitten gestattete, in seiner Sterbestunde 
sich einen Nachfolger bestellen zu dürfen, was ausdrücklich verboten 
war 5 ). Ursprünglich hatte Bonifatius um die Erlaubnis gebeten, 
sich seinen Nachfolger noch zu seinen Lebzeiten bestellen und weihen 
zu dürfen. Eine derartige Dispens erschien dem Papst aber doch zu 
weitgehend; »Ut te vivente«, schreibt er an ihn, »in loco tuo eligatur 
episcopus, hoc nulla ratione concedi patimur, quia contra omnem 
ecclesiae regulam vel instituta Patrum esse monstratur« 6 ). Er 
beschränkte dann die Dispensation darauf, dass Bonifatius in der 
Sterbestunde seinen Nachfolger designieren durfte 7 ). 



1) Joffe, 1. c. p. 88; vgl. Bernoldi tractatus de prudenti dispensatione 
sanctae ecclesiae, c. 3, bei Ussermann, Prodromus Germaniae sacra, S. Blas. 
1792, 2, 406; Perrone, De rnatrinioirio christiano, Leod. 1862, 2, 856. 

2) A. a. 0. S. 891, Anm. 3. — 3) Jaffe', 1. c. p. 93; vgl. Nürnberger, 
Tüb. theolog. Quartalschrift (1879), S. 434 ff. — 4) Willibaldi vita S. Bonifatii, 
ed. Jaffe, Berol. 1866, p. 28 sq. — 5) Vita S. Bonifatii, 1. c. p. 83 sq.; eben- 
daselbst Passio S. Bonifatii, p. 59. Befeie, a. a. 0. 2, 520. — 6) Jaffe, Mon. 
Mog. 1. c. p. 119 (a. 743). — 7) L. c. Die Glosse des Trierer Kodex 906 der 
Summa Kufini zum Dekret Gratians umschreibt die Worte Rufins (zu c. 17. 
C. 7. qu. 1, Schulte, Summa Rufini, Giessen , 1892. p. 256, folgendermassen: 
»Primo petebat, quod liceret sibi ordinäre coadjutorem. Hoc de iure comniuni 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 61 

Als letzte Beispiele von Dispensationen ad faciendum wollen 
wir erwähnen, dass auf Veranlassung Karls des Grossen der Bischof 
Angilram von Metz und nach dessen Tod der Bischof Hildebold von Köln 
von der ßesidenzpflicht entbunden wurden, indem denselben aus Nütz- 
lichkeitsgründen der dauernde Aufenthalt am Hofe gestattet wurde 1 ). 

Das Resultat der bisherigen Untersuchung fassen wir dahin 
zusammen, dass wir sagen: Es ist gar kein Grund vorhanden, in 
betreff des Dispensationswesens eine ältere und eine jüngere Praxis 
zu unterscheiden. Dispensationen, die im voraus gewährt werden, 
kommen von vornherein neben den nachträglich erteilten vor. Von 
einem ausschliesslichen Vorhandensein der Dispensen letzterer Ka- 
tegorie kann nicht im geringsten die Rede sein. 

Als letztes Beweismoment für die Richtigkeit unserer Ansicht 
führen wir in's Feld die Kritik der von Boehmer und Esmein für 
ihre Auffassung vorgebrachten Begründung. 

§. 11. Kritik der von Boehmer und Esmein für ihre Ansicht vor- 
gebrachten Gründe. 

Nach Boehmer sollen es besonders drei Ursachen gewesen sein, 
welche den von uns bestrittenen Unterschied zwischen der sog. alten 
und neuen Praxis auf dem Gebiete des Dispenswesens hervorgerufen 
haben. Die erste 2 ) erblickt derselbe in der geringen Anzahl der 
Gesetze, die mit Ausnahme der Busskanones nicht gerade besonders 
schwere Verpflichtungen auferlegten, so dass man sich denselben 
leicht fügen konnte. Dispensationen wären also gar nicht notwendig 
gewesen. Bereits an früherer Stelle 3 ) haben wir aber darauf hin- 
gewiesen , dass aus der geringen Zahl der Gesetze ein Schluss auf 
das Nichtvorkommen von Ausnahmen ganz ungerechtfertigt ist. 
Mögen der Gesetze auch nicht so viele gewesen sein wie heute, im- 
merhin waren dieselben solcher Art — ich erinnere nur an die 
strengen Vorschriften betreffs der Ordinanden — , dass die Kirche 
durch eine allzu strikte Aufrechterhaltung dieser Anforderungen sich 
selbst in ihrer Verbreitung und Ausdehnung ein gewaltiges Hinder- 
nis entgegengestellt hätte. Wären nicht manchmal infolge dieser 



erat. Secundo, quod posset eligere aliquem, qui post mortem eius praesideret. 
Hoc vix obtinuit ex dispensatione. Tertio quod posset illum consecrare in 
episcopum. Hoc non obtinuit. E.«, Schulte, Einleitung zur Ausgabe der Summa 
Rufini, 1. c. p. XVIII. 

1) Monumenta Germaniae Capitularia regum Francorum , ed. Boretius, 
Hannov. 1883, 1, 68, c. 55; der Frankfurter Synode vom J. 794, Hefele, 3, 
693; hierüber des nähern in der Geschichte des Dispensationsrechts. — 2) L. c. 
§. 42 sqq. - 3) S. 18 f. 



62 Dispensation und Dispensationswesen. 

Strenge die sonst tauglichen und tüchtigen Männer vor dem Em- 
pfang der Weihen und so gerade von denjenigen Stellen ausge- 
schlossen worden , deren Inhaber auf die Schicksale der Kirche den 
ominentesten Einfluss haben? Der Macht der Thatsache gegenüber, 
dass die für die Ordination aufgestellten Forderungen nicht gerade 
bei jedem sonst geeigneten Kandidaten vorhanden sein konnten, be- 
weist die geringe Anzahl der Gesetze höchstens so viel, dass, da also 
nur wenige Gesetze vorhanden waren , konsequenterweise auch Aus- 
nahmen nur in beschränktem Masse vorkommen konnten. Erst im 
IV. Jahrhundert, behauptet Boehraer, sei eine unerträgliche Menge 
von Gesetzen entstanden, was dem Einfluss des immer mehr sich aus- 
breitenden Mönchtums zuzuschreiben sei. Hierher rechnet er z. B. 
das Fastengebot, die Verwandschaftsgrade, den Zölibat. Aber von 
allen diesen Geboten habe man bis zum X. Jahrhundert keine Dis- 
pensation im voraus gewährt. Diese Begründung trägt ihre Verur- 
teilung in sich selbst. Schon die Beispiele selbst, welche Boehmer 
anführt, passen gar nicht hierher. Gerade die Befreiung vom Fasten- 
gebot ist doch wohl nur eine dispensatio pro futuro. Dispensationen 
von Zölibat gehören ferner auch nach dem X. Jahrhundert zu den 
Seltenheiten, und was die Ehen in verbotenen Verwandtschaftsgraden 
betrifft, so muss hier gesagt werden, dass die Entwicklung der 
Ehedispensationen überhaupt eine Sonderstellung einnimmt 1 ). Die 
Vermehrung der Gesetze war natürlich von Einfluss auf die Ent- 
wicklung des Dispenswesens; allein dieser liegt darin, dass Dis- 
pensen pro futuro gerade deswegen, weil mehr Gesetze vorhanden 
waren, auch um so häufiger erteilt wurden 2 ). 

In der gleichen Weise glauben wir auch die zweite von Boehmer 3 ) 
angeführte Ursache modifizieren zu müssen. Die Gewährung der 
Dispensen im voraus soll nämlich dem hl. Stuhl eine willkommene 
Gelegenheit abgegeben haben, seine Gewalt m vermehren, und um 
dessentwillen habe er auch die Dispensationen ante factum einge- 
führt und befördert. Dem gegenüber ist zu erwiedern, dass es offen- 



1) S. 71 f. 

2) Mejer sagt a. a. 0. S. 632: »In der Kirche als religiöser Gesellschaft 
bildete sich früh eine feste Ordnung der Gemeinschaft. Wer diese verletzte und 
dadurch mit der Kirche zerfiel, konnte erst nach genügender ßeue wieder mit 
ihr versöhnt werden. Es wurden die aus der Uebertretung des Gesetzes her- 
vorgehenden Nachteile erlassen vermöge brüderlicher Milde auyyvtotxr] , cpiXav- 
ftpwrcia, oixovo[jLia — remissio, venia, dementia, miseratio, dispensatio.« Diese Ar- 
gumentation ist offenbar einseitig. Denn es kann kein Zweifel darüber sein, 
dass dies nicht die einzige Form war, in welcher die Dispens damals zu Tage 
trat. — 3) L. c. p. 44. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 63 

bar einer Einführung gar nicht mehr bedurfte. Beide Kategorieen 
von Dispensationen kamen von vornherein neben einander vor. Richtig 
ist, dass die Erteilung von Dispensen zum voraus, namentlich vom 
X. Jahrhundert ab zur Befestigung der primatialen Stellung Roms 
sehr viel beigetragen, und um deswillen wohl auch eine Ansdehnnng 
angenommen hat, welche in den vorhergehenden Jahrhunderten ganz 
unbekannt war. Allein es handelt sich hier nicht um die Einführung 
einer früher ungebräuchlichen Art von Dispensen, sondern um Ueber- 
gang der Erteilungsbefugnis von den Bischöfen und Provinzial- 
konzilien an den Papst betreffs solcher Dispensen , die längst in der 
Kirche in Anwendung waren. 

Auch den dritten von Boehmer angeführten Grund können wir 
nur mit der Beschränkung bestehen lassen, dass derselbe die Erteilung 
von Dispensationen nicht erst notwendig, wohl aber häufiger machte. 
Im Anschluss an TJiomassin x ) nämlich legt Boehmer die dritte Ursache, 
welche einen Umschwung in der seitherigen Praxis auf dem Gebiete 
des Dispenswesens hervorgerufen haben soll, in den Umstand, dass 
die kirchliche Disziplin und der Eifer der Christen erschlaffte. Die 
Einführung der neuen Praxis sei begründet »in ruditate saeculorum 
summisque tenebris, quibus post saeculi X. decursum adeo ecclesiae 
involutae erant« 2 ). In der That sehen wir um diese Zeit die Dis- 
pensationen ad faciendum in solcher Zahl auftreten, dass man nicht 
anders kann, als sie mit den damaligen Zuständen in Zusammenhang 
zu bringen, welche die Erteilung dieser Dispensationen in erheblichem 
Masse begünstigten, keineswegs aber erst notwendig machten. 

In einem Zitat aus einem Briefe des Bischofs Hildebert von 
Le Mans (f ca. 1133) glaubt Boehmer einen historischen Beweis für die 
Richtigkeit seiner Ansicht vorbringen zu können 3 ). Allein bei genauer 
Betrachtung beweist diese Stelle gerade das Gegenteil von dem, was 
Boehmer in ihr zu finden vermeint. Daselbst heisst es: »Multa ex 
loco, multa ex tempore, multa ex personis differentius fluni Rector 
ecclesiae nonnumquam aut dissimulabit aut faciet, quae accusat, cum 
videri malum scismatis imminere, canonem scito mutabit; debet 
cessare censura, cum solvitur unitas, Caritas laeditur, pax vacillat« 4 ). 
Hildebert bezeichnet hierin die Dispens als mutatio canonis , und 
zwar kann sie geschehen in zweifacher Weise : aut dissimulabit — 

1) »Contra autem emollita iam et elanguescente disciplina posterioribus 
his saeculis (d. h. vom X. Jahrhundert ab) venia expetitur violandorum cano- 
num, peccandi in sanctas regulas licentia flagitatur et conceditur; peccare vo- 
lunt innoxie et ipsi legum conteraptui auctoritatem et patrocinium a legibus 
ipsis accersere.« L. c. 1. 2. p. 3. c. 24. n. 20. — 2) L. c. §. 38. — 3) Dachery- 
Bavre, Spicilegium, 3, 451; Migne, 171, 236, 1. 2. ep. 22. 



64 Dispensation und Dispensalionswesen. 

aut faciet. Aus dieser Gegenüberstellung (aut — aut) ergiebt sieb, 
dass er sowohl die Dispensation, welche nach der That erteilt wird 
(dissimulabit) als auch jene, die im voraus die Setzung einer Handlung 
gestattet (faciet) , voll und ganz anerkennt. Er will damit sagen, 
dass man bald Nachsicht übt, wenn etwas gegen die Vorschriften 
der Kanones geschehen ist, bald das zu thun im voraus erlaubt, was 
nach den Gesetzen untersagt ist. Diese Deutung ergiebt sich unbe- 
streitbar aus den Beispielen, welche Hildebert anführt. Wir sehen 
also, dass derselbe weit davon entfernt ist, ein Zeugnis dafür abzu- 
geben, dass man bis zu seiner Zeit die Dispensationen ad faciendum 
nicht gekannt habe. 

In dem Artikel »Dispensation« der Ueal-Enzyklopädie für pro- 
testantische Theologie und Kirchenwesen *) beruft sich Jacobson- Mejer 
auf c. 41. C. 1. qu. 1., c. 7, 14. C. 1. qu. 7 u. a. m. zum Beweise dafür, 
dass man es nicht für zulässig hielt, schon im voraus die Ueber- 
tretung einer kirchlichen Satzung zu erlauben. Aus den angeführten 
Stellen ist so etwas nie und nimmer herauszulesen. Sie beziehen sich 
zwar alle auf eine Dispens post factum , besagen aber keineswegs, 
dass diese Form der Dispens die einzig anerkannte, die Dispensation 
in antecessum dagegen voll und ganz ausgeschlossen sei. Eine Stelle 
dieses Inhaltes lässt sich aus der gesamten Literatur überhaupt gar 
nicht herbeibringen. 

Einen ähnlichen Fehler, den wir soeben bei Boehmer gerügt 
haben, begeht auch Marca 2 ). Zum Beweis für seine Behauptung, 
dass betreffs der Weihen bis zum X. Jahrhundert Dispensationen 
nie im voraus gewährt worden seien , beruft er sich auf eine Stelle 
aus einem Brief Cölestins, worin es heisst: »Quae enim a nobis res 
digna servabitur, si decretalium norma constitutorum pro aliquorum 
libitu licentia populi permissa frangatur« 3 ) ? Der Papst spricht sich 
hier über das DispensationsrecA^ aus. Er verwahrt sich dagegen, 
dass einige Bischöfe sich die Befugnis anmassen, gegen die kirch- 
lichen Verordnungen, d. h. gegen die päpstlichen Anordnungen zu 
handeln. Dies ist der Inhalt der betreffenden Stelle; etwas anderes 
besagt sie nicht. 

Was die Ausführungen Esmeiris betrifft, so wollen wir die- 
selben, soweit sie für unsern Zweck hier in Betracht kommen, wörtlich 
anführen. »Nous savons, que la juridiction ecclesiastique , soit ä 
l'egard des fldeles, soit meme ä l'egard des membres du clerge 
ne fut pendant des siecles qu'une pure juridiction diseiplinaire. 



1) Leipzig, 1878, S. 632. — 2) L. c. — 3) C. 4. D. 38. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 65 

L'orsque l^glise leur demandait compte d'un de leurs actes, il 
s'agissait simplement de savoir, si une penalite disciplinaire leur 
serait ou non appliquee, si tel fidele serait exclus de la communaute, 
si tel lai'c serait admis dans les rangs du clerge , si tel clerc serait 
prive de son rang et de sa qualite. C'etait, nous Tavons vu, ä ce 
point de vue, et ä ce point de vue seulement, que l'eglise statua 
sur le mariage des fideles. Mois l'orsqu'il s'agit d'appliquer des 
disciplinaires, il est dans la nature des choses, que les supe'rieurs 
charges de raaintenir la discipline , tiennent largement compte des 
circonstances et des intentions. II est naturel, qu'au lieu d'appliquer 
rigoureuseraent les regles edictees ils usent souveut d'une indulgence 
utile et bienveillante, laissant passer, sans les frapper, certains actes 
defendus cependant en principe et punissables. Oest ainsi que la 
dispensatio se presenta d'abord. Les textes les plus anciens, qui en 
parlent, se rapportent aux defaillances des fideles pendant les perse- 
cutions ou ä leur adhesion passagere ä des heresies. II suffit pour 
s'en convaincre, de parcourir les textes qu'a rassembles Gratien dans 
la question oü il traite de la dispensatio« x ). 

Betrachten wir einmal des nähern die Beispiele, welche Esmein 
vorbringt. Dispensationen wurden erteilt, sagt er, wenn es sich 
darum handelte, ob ein Gläubiger aus der kirchlichen Gemeinschaft 
ausgeschlossen werden , ob dieser oder jener Laie zu den Weihen 
zugelassen , ob dieser oder jener Kleriker degradiert werden sollte. 
Wenn wir nun auf diese drei Beispiele den Begriff der Dispensation 
als einer «repression disciplinaire« anwenden wollen, so wird uns 
dies nur bei dem ersten und bei dem dritten gelingen. Bei der 
Zulassung eines Laien zum Empfang der Ordination dagegen kann der- 
selbe auch mit dem besten Willen nicht Platz greifen, selbst wenn wir 
annehmen, dass derselbe mit irgend einer Irregularität behaftet ist. 
Die Irregularität ist eben keine Strafe, sie ist nur Inhabilität, 
rechtliche Unfähigkeit, ohne besondere Erlaubnis einen Weihegrad 
nicht empfangen zu können. Da nun gerade diese Dispensen in der 
früheren, ja selbst in den ersten Jahrhunderten ohne Zweifel sehr 
häufig waren, so liegt auf der Hand, dass der von Esmein aufgestellte 
Begriff der Dispensation viel zu eng ist, indem er eine ganze Kate- 
gorie von Dispensen nicht umfasst, deren Existenz er ja selbst durch 
Anführung des betreffenden Beispiels unumstritten zugeben muss. 

Für seine Ansicht beruft sich Esmein auf Gratian, der in 
C. 1. qu. 7. Zitate zusammengestellt habe , die sich alle auf die 



1) L. c. 2, 316 s. 



66 Dispensation und Dispensationswesen* 

Dispensation post factum beziehen sollen. Allein unter den betreffen- 
den Kapiteln befinden sich mehrere, die ebensowohl auch die im 
voraus erteilte Dispensation im Auge haben. Ex professo handelt 
von einer solchen nur caput 6. , welches von der Einhaltung der 
Interstizien entbindet, also offenbar von einer dispensatio ad facien- 
dum spricht. Ferner übersieht Esmein ganz, dass zu Zeiten Gratians 
die Theorie über das Dispensationswesen schon soweit vorgeschritten 
war, dass sie beide Arten von Dispensationen unter einem und dem- 
selben Gesichtspunkt behandelt 1 ). 

Esmein begeht den Fehler, dass er das, was er an einigen 
Fällen beobachtet, nun gleich auf das ganze Gebiet des kirchlichen 
Rechts überträgt. Es giebt offenbar Fälle, in denen unstreitig die 
Dispensation den Charakter hat, welcher ihr von Esmein beigelegt 
wird, so z. B. bei den Ehedispensen, die bis zum XI. Jahrhundert 
nie im voraus erteilt wurden. In anderen Fällen trifft das aber 
nicht zu. Ja, Esmein geht sogar so weit zu behaupten, dass auch 
heute noch die Dispensation die Natur eines richterlichen Aktes 
habe, d. h. eines Aktes, der zeitlich derjenigen Handlung folgt, 
welche er ergreift. Hierfür glaubt er einen Anhaltspunkt darin zu 
finden, dass auch heute noch der Erteilung der Dispensen eine 
cognitio causae vorauszugehen habe. Dies ist aber ein Missver- 
ständnis, beruhend auf einer falschen Deutung des Wortes causa. 
Die cognitio cansae bezieht sich hier auf die Untersuchung, ob im 
einzelnen Fall , für den Dispens nachgesucht wird , auch ein hin- 
reichender Grund vorliegt, der die Erteilung derselben rechtfertigt. 
Eine solche Nachforschung hat aber ebenso gut zu geschehen bei 
den Dispensationen ad faciendum wie bei deuen post factum. 

Den Uebergaug zwischen der vermeintlichen alten und neuen 
Praxis erklärt sich Esmein 2 ) durch den Einfluss der im Laufe 
des XII. Jahrhunderts sich vollziehenden Zentralisation der kirch- 
lichen Gesetzgebungsgewalt im Primat. Infolge dieser Reform wurde 
die verbindliche Kraft der Gesetze auf den Willen des Papstes zu- 
rückgeführt, so dass der unter diesem stehende Vorgesetzte den 
kirchlichen Rechtssätzen ihre verpflichtende Wirkung nicht mehr 
nehmen konnte. Daher hätte sich auch der alte Begriff der Dis- 
pensation nicht weiter behaupten können , sagt Esmein. Es blieb 
nichts anderes übrig als auch sie vom Willen des höchsten Gesetz- 
gebers abhängig zu machen. Dieser letzte Gedanke ist der einzige 
richtige an der ganzen Argumentation Esmeins, indem er den Um- 



I) vgl. den II. Teil. — 2) L. c. 2. 320. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 67 

stand zum Ausdruck bringt, dass es eine unmittelbare Folge der 
Konzentration war, wenn man die Erteilung der Dispensen als einen 
gesetzgeberischen Akt, die Dispensationsgewalt also als ein notwendiges 
Korrelat der Gesetzgebungsgewalt betrachtete. Diese Neuerung (oder 
vielmehr die nun allgemein gewordene Anerkennung des schon längst 
ausgesprochenen Prinzips) erstreckte sich aber nur auf die rechtliche 
Quelle der Dispensation. In wieweit eine Umgestaltung des Begriffs und 
die Einführung einer neuen Kategorie durch jene Thatsache herbeige- 
führt worden sein soll, lässt sich mit dem besten Willen nicht ein- 
sehen. Der Begriff blieb offenbar unberührt; wie vorher, so wurden 
auch nachher Dispensen sowohl im voraus als nachträglich gewährt. 
Eine Spur von Veränderung der herrschenden Praxis lässt sich nicht 
nirgendwo konstatieren. 

Die »nouvelle conception« der Dispensation lautet nach Esmein 
folgendermassen : »L'acte par lequel une personne determinee etait 
soustraite dans un cas donne ä l'application de la loi , sans que 
celle-ci perdit sa force et sa vertue generales. C'etait par la meme 
considerer la loi comme une regle comportant des intermittences et 
dont certaines autorites pouvaient e'carter l'application ä l'egard des 
individus qui y etaient soumis« J ). Inwiefern soll nun dieser Begriff 
von dem bisher in Geltung gewesenen abweichen? Rufen wir uns 
die Aussprüche der Väter und Päpste über die Dispens in das Ge- 
dächtnis 2 ) zurück, so können wir auch nicht den geringsten Unter- 
schied zwischen ihrer Auffassung rinden und dem Begriff, welchen 
Esmein als einen neuen, erst im Laufe des XII. Jahrhunderts ent- 
standenen hinzustellen versucht. Nur ein Moment hebt letzterer mehr 
hervor: Die Erteilung der Dispens an Einzelne (un cas donne). Aber 
auch dieses ist im Begriff, den wir konstatiert haben, mit einge- 
schlossen 3 ). 

§. 12. Resultat. 

Das Resultat, das wir durch die bisherigen Erörterungen 
gewonnen haben, besteht darin, dass es der historischen Wahrheit 
absolut nicht entspricht, bei der Beurteilung des Dispensationswesens 
zwischen alter und neuer Praxis zu unterscheiden und dabei die 
Grenzlinie in das XL Jahrhundert zu verlegen. Lassen sich auch 
nicht aus allen Zweigen des kirchlichen Rechts Beispiele von im 
voraus erteilten Dispensationen herbeibringen, so liegt dieser Mangel 
keineswegs in der Nichtanerkennung dieses Prinzips, wohl aber in 
der Lückenhaftigkeit der Quellen aus dieser Zeit, sowie in dem 

1) L. c. p. 316. - 2) §§. 4. 5. - 3) Vgl. §. 6. 



68 Dispensation und Dispensationswesen. 

Umstand, dass man früher in vielen Beziehungen Dispensationen ver- 
weigerte, wo dieselben heutzutage ohne besondere Schwierigkeit 
gewährt werden. Ueberdies genügen die angeführten Beispiele ohnebin 
schon, um zu beweisen, dass das Prinzip solcher Dispensationen nicht 
allein theoretisch anerkannt war , sondern auch praktisch gehand- 
habt wurde. 

Würde in dem angegebenen Zeitpunkt eine neue Art von Dis- 
pensationen aufgekommen sein, so Hesse sich das Stillschweigen nicht 
erklären, mit dem die zeitgenössischen Schriftsteller eine derartige, 
von der seitherigen Uebung wesentlich abweichende Erscheinung 
übergehen. Boniso in seiner Kanonensammlung (ca. 1075) x ), Bernold 
von Konstant (f 1100) 2 ) und Ivo von Chartres d ), welch' beide 
letzteren der Darstellung des Dispenswesens ihre besondere Aufmerk- 
samkeit gewidmet haben, rechnen mit der sog. neuen Praxis als einer 
längst vorhandenen und nicht erst vor kurzem eingeführten That- 
sache. Ivo sagt z. B., wo gewisse Gründe die Erteilung einer Dis- 
pensation rechtfertigen, da könne im voraus die Setzung einer 
verbotenen Handlung durch den kirchlichen Obern gestattet werden, 
»potest praecedere auctoritate praesidentium diligenter deliberata dis- 
pensatio« 4 ). Erst die Glossenliteratur unterscheidet zwischen dispen- 
sationes in factis und in faciendis. Eine zeitliche Beschränkung der 
letzteren auf die Zeit nach dem XI. Jahrhundert kennt dieselbe aber 
nicht. Im Gegenteil. Zu ordinentur c. 8. C. 1. qu. 7 sagt die Glosse: 
»ordinentur id est, ut promoveantur vel ordinentur, si ante non 
fuerint ordinati vel forte extra formas ecclesiae«. Beide Arten von 
Dispensen werden also hier vollständig gleichgestellt. 

YII. Kapitel. 

§. 1R. Das XL Jahrhundert als Grenzpunlti einer alten und neuen 
Praxis auf dem Gebiete des Dispensationswesens. 

Wirklicher Unterschied. 
Haben wir im Vorhergehenden die Ansicht zurückgewiesen, 
welche den Unterschied zwischen einer alten und neuen Praxis betreffs 
der Dispensationen darein setzte, dass in der Zeit vor dem XL Jahr- 
hundert Dispensationen für eine beabsichtigte Handlung nicht gewährt 
worden seien , so müssen wir doch , um der Geschichte gerecht zu 
werden, in Ansehung des Dispensationswesens das Vorhandensein einer 
alten und einer neuen Praxis , wenn auch in ganz anderer Hinsicht 
konstatieren. 



1) Vgl. II. Teil. - 2) Vgl. IL Teil. — 3) Vgl. IL Teil. — 4) Vgl. §. 26. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 09 

Sämtliche vor dem XL Jahrhundert erteilten Gesetzesbefreiungen, 
mögen dieselben vor oder nach der That gewährt sein, haben zur 
causa stets einen Grund, der den Zwecken der Allgemeinheit ent- 
nommen ist. Nur zum allgemeinen Wohl der Kirche und nur wegen 
allgemeiner Notwendigkeit, z. B. bei Priestermangel, in Pest- und 
Kriegszeiten, zur Erhaltung des Friedens in der Kirche wurden bis 
in's XI. Jahrhundert hinein Dispensen gestattet. Dies hängt damit 
zusammen, dass man als Dispens auffasste jede Ausnahme von dem 
bestehenden Recht, namentlich aber die Aenderung eines Gesetzes 
durch Aufstellung einer abrogierenden oder derogierenden Vorschrift. 
Wie aber ein Gesetz zum Wohl der ganzen Gemeinheit gegeben, 
so kann es auch nur dann rechtmässig eine Aenderung erfahren, 
wenn ein allgemeiner Nutzen davon zu erwarten ist oder die Not der 
Verhältnisse dazu zwingt 1 ). Thatsächlich sind auch alle Beispiele 
von Dispensationen, die uns aus dieser Periode bekannt worden sind, 
derart, dass die Abweichung von der Regel nur dann gestattet wurde, 
wenn irgend ein Vorteil für die Kirche selbst erwartet werden 
konnte. Dies ersehen wir aus den Ausführungen Gottfrieds von 
Vendöme, des hl. Bernhard, Ivo's von Chartres, Hildebert' s von Le 
Mans, lauter Männer 2 ), welche gerade zu der Zeit lebten, zu welcher 
diese alte Praxis allmählich durch eine neue verdrängt wurde. 

Bernhard von Glairvaux sagt: »Ubi necessitas urget, excusa- 
bilis dispensatio. Ubi utilitas provocat, dispensatio laudabilis est: 
utilitas dico communis, non proprio,« 3 ). Er hält dem Papst vor, 
dass man bei der Erteilung von Dispensationen von der alten Ge- 
wohnheit abgekommen sei , wonach man dieselben nur aus Gründen 
zuliess, welche der Allgemeinheit von Nutzen waren. Dispensationen 
wurden eben zu seiner Zeit nicht allein erteilt, wo die Gemeinschaft 
selbst einen Vorteil davon hatte , sondern schon allein aus rein 
privaten Rücksichten, wenn also die Gewährung der Entbindung nur 
der einen oder andern Person einen Nutzen einbrachte, ohne dass die 
Allgemeinheit infolge dieser Abweichung irgend eine Beförderung in 
den Gesammtinteressen gehabt hätte. Ohne dass ein Priestermangel 
vorlag, galt es alsdann z. B. als hinreichender Dispensgrund, um einem 
Priestersohn die Erlaubnis zum Empfang der Weihen zu geben, wenn 



1) »Pleraque in ecclesiasticis canonibus invenimus , quae sicut pro com- 
muni totius vel propria alicuius ecclesiae utilitate inventa sunt, sie rursum pro 
communi totius vel propria alicuius aut gentis aut ecclesiae salute praevia in 
omnibus caritate mutata sunt.« Petrus Vener alrilis, 1. I. ep. 28, Migne, 
189, 148. 

2) Vgl. hierüber im II. Teil. - 3) Vgl. hiezu §. 24. 



70 Dispensation und Dispensationswesen. 

derselbe sonst seine Fähigkeit und Tüchtigkeit nachweisen konnte. 
Hier bezieht sich also der Uispensationsgrund auf das Wohl des 
Einzelnen. Solche Fälle liegen vor, wenn z. B. durch Vorenthaltung 
der Dispens der Beteiligte unverhältnismässig leiden oder sein Seelen- 
heil gefährdet, wenn Störung des ehelichen und häuslichen Friedens 
oder anderweitiger bedeutender Nachteil entstehen würde. Allerdings 
rauss man zugestehen, dass in solchen Fällen auch der Allgemeinheit 
thatsächlich Vorteile entstehen können; allein diese sind nur in- 
direkte, sie sind nur eventuelle und können als Dispensgrund bei der 
Erteilung der Entbindung blos dann in betracht gezogen werden, 
wenn ihr Eintritt als wahrscheinlich vorauszusehen ist. Ist dies nicht 
der Fall , so bleibt nichts anderes übrig als die Dispensation voll 
und ganz der Willkür zu überlassen 1 ). 

Dieser Umschwung in der seitherigen Praxis , welche wir uns 
aber nicht als ausschliessliche, sondern als vorherrschende zu denken 
haben, erhielt eine wesentliche Förderung durch das Dekretalenrecht, 
welches die alleinige Dispensationsbefugnis des Papstes von den 
Sätzen des ius commune sanktionierte. Allein dieses Moment ist es an 
sich nicht, welches auf das Dispenswesen in fraglicher Beziehung 
von Bedeutung war, sondern ein dasselbe begleitender Umstand, 
nämlich die in den Dekretalen ausgesprochene Anerkennung gewisser 
Gründe, bei deren Vorhandensein die Erteilung einer Dispensation ge- 
rechtfertigt sein sollte: das Wissen, die Ehrbarkeit der Sitten, der 
gute Ruf, die Verdienste um die Kirche, hohe Abstammung 2 ) u. s. w. 3 ), 
also lauter Eigenschaften des Dispensandeu ohne jede Beziehung zu 
dem objektiven Nutzen oder zur objektiven Notwendigkeit. Dieser 
Entwickelung leisteten viele Momente Vorschub. Die allzu häufigen 
Uebertretungen hatten die kirchliche Disziplin so sehr geschwächt, 
dass man, um solche zu verhüten, auch aus rein privaten Rücksichten 
dispensierte. Anderseits müssen wir aber auch bedenken, dass die 
Dispensen ein gewaltiges Mittel zur Hebung der päpstlichen Gewalt 
waren, von welcher Befugnis der hl. Stuhl, wie wir an späterer 
Stelle noch sehen werden , den ausgiebigsten Gebrauch machte. 

Als Zeitpunkt, in welchem die Aenderung der seitherigen 

1) Suarez, de legibus, 1. 6. c. 7. n. 13: »Non solum posse cessare Obli- 
gationen! legis, quando in particulari eventu esset contra bonum commune ser- 
vare legem, sed etiam si sit tan tum contra bonum particularis personae, dum- 
modo sit nocumentum grave, et nulla alia ratio communis boni obliget ad illud 
inferendum vel permittendum. Nam tunc iustitia et Caritas iubet evitare tale 
nocumentum proxiini, cui non potest lex humana rationabiliter opponi.« 

2) C. 19, X, II, 27; c 14. in VD<>, I. 6; c. 20 X. I. 6; c. 28. X. III. 5. 

3) Vgl. hierüber im II. Teil. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 71 

Praxis fühlbar wurde, haben wir das XL Jahrhundert aufgestellt, 
namentlich mit Rücksicht darauf, dass die vorhin erwähnten Momente, 
welche den betreffenden Umschwung befördert haben, in der ange- 
gebenen Zeit ganz besonders zu Tage getreten sind. Die berühmtesten 
Männer dieser Zeit, Gottfried von Yendome, Bernhard von Clairvaux, 
Hildebert von Le Mans, Ivo von Chartres, Johannes von Salisbury 
erhoben Klagen gegen den Missbrauch der Dispensationen, welche 
nun nicht mehr zum Besten der Kirche, sondern zur Begünstigung 
rein privater Interessen gewährt wurden 1 ). Auch in späterer Zeit 
bildete dieser Umstand einen wichtigen Angriffspunkt gegen die 
Handhabung der kirchlichen Rechtsordnung seitens des hl. Stuhles. 
Neben verschiedenen Männern , wie z. B. Matthäus Paris, Nikolaus 
von Clemanges, Gerson waren es namentlich Konzilien, welche die 
unbedingte Abschaffung des Dispensationswesens in der Beziehung 
verlangten, dass Dispensen mit Rücksicht auf rein persönliche Vor- 
teile absolut verboten sein sollten. 

Till. Kapitel. 

§. 14. Die Dispensationen post factum. 

Bis jetzt haben wir nur derjenigen Kategorie von Dispensen 
unsere Aufmerksamkeit gewidmet, bei denen im voraus die Setzung 
einer an sich unerlaubten Handlung gestattet wird. Es erübrigt uns 
noch , diejenigen Fälle in betracht zu ziehen , in denen erst nach 
vollbrachter That die Gutheissung durch den Obern erfolgt. 

Hierher gehören vor Allem die Dispensationen auf dem Gebiete 
des Eherechts. Aus der Zeit vor dem XI. Jahrhundert lässt sich 
nur ein Beispiel einer Dispensation pro matrimonio contrahendo 
anführen. Es ist dies die von Gregor dem Grossen den neubekehrten 
Engländern auf Veranlassung ihres Apostels Augustin gewährte 
Ausnahme 2 ). Sonst kannte man Ehedispensen nur in der Form, 
dass die auf den Provinzialkonzilien versammelten Bischöfe beschlossen, 
widerrechtlich zustande gekommenen Ehen die kirchliche Anerkennung 
nicht versagen zu wollen. Die Synode von Agde verordnet i. J. 506, 
dass jede Ehe zwischen Blutsverwandten oder Verschwägerten nichtig 
sei 3 ). Dasselbe beschlossen die Synode von fcjpaon 4 ) (517) und 
Orleans (538) 5 ). Den Verordnungen dieser drei Synoden ist ge- 



1) Vgl. hierüber an späterer Stelle. 

2) S. 58. — 3) c. 61, Refeie, 2, 659 = c. 8. C. 35. qu. 2; vgl. Fr eisen, 
a. a. 0. S. 377. — 4) C. 28 (30) Monumenta Germaniae , Auctorura anti- 
quis8imorum, VI. 2. p. 172. — 5) L. c. c. 11, p. 76. 



72 Dispensation und Dispensalionswesen. 

gemeinsam, dass sie die im dritten und vierten Grade der Blutsver- 
wandtschaft bereits eingegangenen Ehen nicht auflösen, sondern aus 
Gnade bestehen lassen, für die Zukunft aber die Abschliessung 
solcher strengstens untersagen. Das Konzil von Verberie (756) 
beschränkt diese Dispensation auf den vierten Grad *). Mit demselben 
Gegenstand beschäftigen sich die Synoden von Compiegne (757) 2 ), 
von Mainz (843 und 847) 3 ) und von Worms (868) 4 ). 

Viel zahlreicher natürlich sind die Dispensationen post factum 
auf den andern Gebieten des kirchlichen Rechts. Am häufigsten 
wurden dieselben erteilt an solche, denen die Ausübung ihrer Weihe- 
befugnisse aus irgend einem Grunde uutersagt war. 

Schliesslich glauben wir noch auf einen Punkt zurückkommen 
zu müssen, der für die Beurteilung des Dispensationswesens während 
dieser Periode von Belang ist. Thomassin 5 ) und Jung 6 ) sind nämlich 
der Ansicht, dass die Erteilung der Fähigkeit, auf Grund welcher zu 
Zeiten Karl Martells und schon vorher Laien den Besitz von Bistümern 
und Abteien erlangen konnten, auf eine Dispensation zurückzuführen 
sei. Dasselbe gelte auch für den Bezug von Einkünften aus kirch- 
lichen Gütern seitens Angehöriger des Laienstandes. Es seien dies 
Ausnahmen von der Regel und infolgedessen, dem damaligen Begriff 
der Dispensation entsprechend, als eine solche zu betrachten. Allein 
diese Ausnahmen wurden so zur Regel, dass die Ausnahme die Regel 
geradezu verdrängte, und man bald beide kaum mehr auseinanderhalten 
konnte. Dies sowie der Umstand, dass die zeitgenössischen Quellen der- 
artige Erscheinungen offen als Missbräuche hinstellen, haben uns be- 
wogen, dieselben aus dem Kreise unserer Betrachtung auszuschliessen 7 ). 
Auch die Erteilung von Privilegien und Exemtionen haben wir nicht 
berücksichtigt, und zwar aus dem Grunde, weil durch dieselben beson- 
dere Institutionen für sich begründet wurden, welche von Anfang 



1) C. 1. »In quarta autem coniunctione, si inventi fuerint, non separamus 
sed poenitentiam iniungimus. Attamen si factum non fuerit, nullam facultatem 
coniungencU in quarta generatione damus.« Mon. Germ. Capit. I. 40; vgl. Per- 
rone, 1. c. 2, 88; Freisen, a. a. 0. S. 385. Wer eine solche Dispens erhalten 
hatte, musste öffentlich Busse verrichten, Konzil von Agde c. 61. 1. c. 

2) c. 1—3, Hefele, 3, 592; Walter, Corpus iuris germ. 1. c. 2, 32, 47. 

3) C. 30, Hefele, a. a. 0. Mon. Germ. Capit. IV. 483; vgl. c. 54 der 
Synode von Mainz v. J. 815, Hefele, a. a. 0. 3, 763. 

4) C. 32. Hefele, a. a. 0. 4, 370 f. — 5) L. c. p. 2. 1. 3. c. 25, n. 1 sq. ; 
1. 1. c. 1. n. 25. — 6) L. c. p. 28. — 7) Erst die kanonistische Doktrin des 
XII. Jahrhunderts sucht sich solche Erscheinungen durch Zuhülfenahme der 
Dispensation zu erklären. Hierher gehört auch das Laienpatronat. Vgl. hierüber 
an späterer Stelle. 



Geschichtliche Entwicklung bis zum IX. Jahrh. 73 

an neben der Dispensation eine selbständige Entwickelung genom- 
men haben. 

Was wir oben bereits betout haben, gilt auch von der im 
6. Jahrhundert so häufig werdenden Erhebung von Laien auf 
Bischofsstühle. Es mögen Fälle vorgekommen sein, in denen die 
unmittelbare Weihe von Laienpersonen in den vorhandenen Um- 
ständen begründet war. Meistens aber haben wir es mit willkür- 
lichen, selbstsüchtigen Uebertretungen der kirchlichen Vorschriften 
zu thun. Im fränkischen Reich war es ja geradezu zur Regel gewor- 
den, dass Staatsbeamte und einflussreiche Personen wegen rein welt- 
lichen Gewinnes sich um das Amt eines Bischofs bewarben und ohne 
jede Uebergangszeit , ohne jegliche Vorbereitung durch Bestechung 
oder Gunst in den geistlichen Stand aufgenommen wurden und gleich- 
zeitig die Konsekration zum Bischof erhielten. In den Erzählungen 
Gregors von Tours begegnen uns eilf Beispiele dieser Art 1 ). Dass 
wir es hier mit Missbräuchen zu thun haben und nicht mit Dispen- 
sationen d. h. mit Abweichungen, welche im Bewusstsein gestattet 
werden, dass unter gewissen Umständen die strenge Forderung des 
Gesetzes nicht aufrecht erhalten werden kann, liegt auf der Hand. 

§. 15. Schluss. 

Als Resultate der Untersuchungen, die wir in dem ersten Teil 
unserer Arbeit angestellt haben, ergeben sich zwei Sätze: 

1. Bis zum eilften Jahrhundert ist der Begriff der Dispensation 
ganz allgemeiner Natur. Sie umfasst alle möglichen Aenderungen und 
Ausnahmen, welche von einer gesetzlichen Bestimmung überhaupt 
gemacht werden können, Die Beschränkung derselben auf die Auf- 
hebung der Wirksamkeit eines Gesetzes in Einzelfällen, wie es die 
heutige Wissenschaft thut, ist während des angegebenen Zeitraumes 
vollständig unbekannt. 

2. Es ist unrichtig, das Vorkommen von solchen Dispensationen, 



1) Löning, a. a. 0. 2. 191, Anm. 3; Im J. 528 forderte Papst Felix II. 
den Bischof Cäsarius von Arles auf, darüber zu wachen, dass kein Laie, bevor 
er als Geistlicher sich erprobt, zum Bischof geweiht werde; Mansi, 8, 666. 
An Sabaudus, den Bischof von Arles, schreibt in demselben Siüne Pelagius IL 
(578—590); »Quis autem ex vobis de eo, quod illic fieri comperimus, redditurus 
est rationem, vel in quibus canonibus invenitur, ut uno eodemque die laicus 
homo et clericus et acolitus et subdiaconus et diaconus et presbyter et 
episcopus fiat et subito quasi in theatrali spectaculo mutato habitu missas fa- 
ciat, qui ante unam horam non dicam domui suae laicus sed uxori etiam suae 
forsitan coniunctus extiterit?« Epistolae aevi merovingici collectae, ep. 5. in 
Monumenta Germaniae, p. 439, Berol. 1892; vgl. Hinschius, a. a. 0. 2,521 f. 



74 Dispensation und Dispensationswesen. 

welche im voraus die Vornahme einer gesetzwidrigen Handlung oder 
die Unterlassung einer gebotenen Handlung gestatten, für die Zeit 
vor dem eilften Jahrhundert in Abrede zu stellen. 

Was die Beispiele von Dispensen betrifft, die uns aus dieser 
Zeit überliefert sind, so sind wir weit davon entfernt, auf eine Voll- 
ständigkeit ihrer Aufzählung Anspruch zu erheben. Zunächst sei be- 
merkt, dass nur diejenigen Berücksichtigung gefunden haben, denen 
irgend eine Bedeutung für die Entwicklung des Dispensationswesens 
überhaupt beigemessen werden konnte. Dann hielt uns aber auch die 
Furcht vor dem Vorwurf der Weitschweifigkeit davon ab, gewisse 
Beispiele, so interessant und unbekannt sie sonst auch sein mögen, 
eingehend zu besprechen, da bei der Darstellung der geschichtlichen 
Entwickelung des DispensationsrecÄte dieselben abermals und zwar 
zur Prüfung der Sachlage im Einzelnen genau erwähnt werden müssen. 



Lebenslauf. 



Ich bin geboren am 25. Oktober 1867 zu Hördt i. Eis., Kreis 
Strassburg, als Sohn des Lehrers Eugen Stiegler und der Katharina 
Elisa Stiegler geb. Vollmar. Meine Religion ist die katholische. 
Nach Erlangung des Abiturienten-Zeugnisses am Gymnasium St. 
Stephan zu Strassburg bezog ich als Student der klassischen Philo- 
logie die Universität daselbst (Oktober 88). Im folgenden Jahre 
wurde ich als Theologe in der theologischen Fakultät zu Frei- 
burg i. Br. immatrikuliert. Nach Verlauf von sechs Semestern 
trat ich zur juristischen Fakultät über, um mich für das Spezial- 
studium des kanonischen Rechts vorzubereiten, für welches die 
Vorlesungen des Herrn Professor v. Amira, namentlich aber des 
Herrn Professor Heiner mein grösstes Interesse erweckt hatten, so 
dass ich noch als Theologe in der Lage war, eine von der theo- 
logischen Fakultät daselbst gestellte Preisaufgabe aus dem Kirchen- 
recht: „Der Kompatronat in seiner Entstehung und Ausübung" zu 
lösen und dabei den ersten Preis davonzutragen. Im Winter 93/94 
besuchte ich die Universität Berlin, um an den Uebungen im ka- 
nonistischen Seminar des Herrn Professor Hinschius teilnehmen zu 
können. Seit Sommer 94 gehörte ich wieder als Jurist der Uni- 
versität Strassburg an bis zu meiner Exmatrikulation, welche im 
Winter-Semester 96/97 erfolgte. 

Einer angenehmen Pflicht komme ich nach, wenn ich an 
dieser Stelle Herrn Professor Heiner für seine Anregung im Studium 
des kanonistischen Rechts, und Herrn Professor Hinschius für die 
weitere Ausbildung, sowie Herrn Professor Sickel zu Strassburg, 
dem Rezensenten dieser Dissertation, meinen verbindlichsten Dank 
ausspreche. 



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